ERSTE ETAPPE

Unsere Räder stehen still. Aber nur für gut 36 Stunden Überfahrt nach Patras. Vorbei sind die Zeiten, da man mit den Griechenlandfähren noch direkt vom Hafen Venedig aus startete und am Beginn spektakulär quer durch die Stadt fuhr. Heute fährt man ab Fusina, etliche Kilometer entfernt. Also besser früher anreisen und extra Zeit nehmen für die Lagunenstadt - wir haben diesmal 2 Tage dafür eingeplant.

Venedig ist natürlich heillos übertouristisiert, aber man kann durchaus noch vereinzelt ins ganz normale Leben eintauchen. Zum Beispiel wenn man sich schon vor 7 Uhr in der Früh Richtung Rialto-Brücke aufmacht, gemütlich mit lauter Einheimischen auf dem Markt nach frischem Gemüse und Fisch Ausschau hält und sich anschließend in einer der vielen Bars ein typisch italienisches Frühstück genehmigt. Wer dann noch wie wir eine eigene Küche dabei hat, kann mit vollen Tüten nachhause gehen und sich am Abend ein selbstgezaubertes Menü aus Jakobsmuscheln und Thunfischsteaks schmecken lassen. Fein, fein, diese Italienität.

Venedig war eindeutig ein guter Startpunkt für diese Tour. Aber nun stehen wir gut verzurrt auf dem offenen Deck der "Olympic Champ". Campen an Bord ist gebucht, wir können die komplette Zeit im Laster verbringen und vom Schlafzimmerfenster direkt auf's Meer sehen. Es ist leider kein Pool-Wetter. Die Wellen sind gut in Bewegung, herumstehendes Geschirr ebenso. Die Schaukelei macht schläfrig, wir haben Zeit zum Lesen, Internetzen, ...

Über USHGULI nach BATUMI

Nach Ushguli auf 2500m haben wir unseren Dicken gescheucht, dem laut Reiseführerdefinition „höchstgelegenen dauerhaft bewohnten Dorf Europas“. Von Mestia aus bedeutete das 46km anspruchsvolle Strecke - bei schönem Wetter mühsam, aber keine echte Hürde. Versucht hatten wir es davor bereits von der anderen Bergseite aus via Lentechi und den Sagar-Paß. Unmöglich, wir scheiterten an unserer Höhe. Die Piste dort ist dicht mit Bäumen gesäumt, deren Äste meist kaum mehr als 2m Fahrzeughöhe gestatten - wir brauchen 3,60m. Und irgendwann hört der Spaß am Sägen auf!

Die Atmosphäre im Dorf war ganz einzigartig. Etliche Touristen aus Ukraine, Aserbaidschan, Weißrussland, Schwaben … trifft man dort und genießt dennoch Abgeschiedenheit und ländliche Idylle mit Pferd, Rindvieh und freilaufenden Schweinen. Die Naturkulisse ist atemberaubend. Schneebedeckte 5000er, Gletscher, Höhensonne, Kühle (in der Früh nur 7 Grad). Tja, und dann fährt man mal eben nur 180km weiter und ist am Meer am Strand nahe der Abchasischen Grenze. Das Meer ist natürlich nicht schwarz, aber der Sand am Ufer schon. Es ist heiß und die Palmen kommen mit Schattenspenden nicht nach. Unsere letzten Tage im schönen Georgien. Ab jetzt geht's heimwärts und zwar wieder durch die Türkei, in der allerdings inzwischen Ausnahmezustand herrscht.

TIFLIS

Natürlich waren wir auch in der Hauptstadt, die interessant, sehenswert und insbesondere an den Abenden voll pulsierenden Lebens ist. In Tiflis war leider wieder Boxenstop angesagt, denn die Viskokupplung des Motorlüfterrads ist defekt. Peter hat sie notgedrungen blockiert und auf Bergetappen muß dazu noch die voll aufgedrehte Heizung unterstützen. Das ist kein Zustand und gehört repariert. Tiflis schien uns perfekt dafür, immerhin ist der örtliche MAN-Ableger beeindruckend groß und scheint professionell aufgezogen. Er erwies sich jedoch in unserem Fall als lausig. MAN fand keine Zeit für uns, kein passendes Ersatzteil und bemühte sich auch nicht um den Hauch einer Idee, wo MAN es herbekommen könnte. Sorry und Schulterzucken, mehr war auch nach mehrstündigem Warten nicht geboten. Null Engagement, sieht man mal von der abwegigen Idee ab, das eindeutig mechanische Problem mittels elektronischer Datenanalyse bearbeiten zu wollen! Nach gut 8000 km Strecke steht man dann da, hat eine spezialisierte, professionelle Werkstatt eines deutschen Unternehmens vor der Nase und kommt einfach nicht rein. Wie enttäuschend! 

Was haben wir bislang gesehen? Die Mineralwasserstadt Bordschomi und die beeindruckenden Höhlenklöster von Wardzia zum Beispiel. Die Georgische Heerstrasse sind wir abgefahren bis zur russischen Grenze. Ein paar Pausetage gab es im malerischen Sno-Tal des Großen Kaukasus, den Vulkan Kasbeg immer vor Augen. Wir besuchten Kachetien und konnten in der Nähe von Telavi auf dem Weingut Schuchmann einige Tage stehen, uns von der Sonne und kulinarisch verwöhnen lassen. 

KLEINER und GROSSER KAUKASUS

Wohin gehört Georgien, Europa oder Asien? In der Türkei weiß der Reisende sofort: das ist anders, ungewohnt. Und diese Überzeugung verstärkt sich mit jedem anatolischen Kilometer von West nach Ost. Doch noch weiter östlich, auf georgischem Boden, wirkt wieder vieles ganz vertraut. Da wehen (etwas vorgrifflich) EU-Flaggen an öffentlichen Gebäuden. Statt durch kahlgefressene Hügel und Hochsteppe führt einen der Weg durch ausgedehnte Wälder, man hört hin und wieder Kirchenglocken. In ehemals adeligen Residenzen werden dem Besucher stolz die sorgsam gehüteten Einrichtungsgegenstände von einst präsentiert: tadelloses Porzellan aus Ilmenau, Literatur aus Frankreich, Gemälde österreichischer Künstler, Klaviere in allen Räume und: Wein im Keller.


 

Jerewan ist freilich anders, das genaue Gegenteil, da herrscht fast europäisches Großstadtleben. Daß dort auffällig viele hochpreisige Fahrzeuge mit jugendlichen Fahrern die Straßen bevölkern, wirkt seltsam vor dem Hintergrund der Zustände im übrigen Land. Aber die Stadt ist interessant, keine Frage.

ANI

Dies ist nun dagegen ein wirklich schöner Ort! Ein kleines Dorf, das neben einem großräumigen Ruinenfeld liegt - für Armenier von ganz großer Bedeutung, einst Hauptstadt,  man kann von dort aus auch direkt nach Armenien hinüberschauen, ein Katzensprung. Aber: die Grenze ist geschlossen, nicht einen einzigen Übergang gibt es zwischen Türkiye und Ermenistan. Also: wieviele Armenier kommen wohl pro Tag hierher? Hm, und Ani ist NICHT auf der Weltkulturerbe-Liste. Tja, sei’s drum, das schmälert die Bedeutung nicht. Es lebten dort angeblich einst 100.000 Menschen, es gab an die 1.000 Kirchen, heute spaziert man über das Gelände zwischen Kühen und Pferden und Steinhaufen hindurch, die einst Gebäude waren. Immerhin, Archäologen arbeiten daran und irgendwann, irgendwann …

Wir reisen nun weiter nach Georgien und von dort aus nach Armenien.

TÜRKISCH NEUSCHWANSTEIN

Unsere letzte Etappe in der Türkei geht zu Ende und unter all den Ländern, die wir mit LKW bisher bereist haben, ist die Türkei nun unser Favorit. Es gibt viel Bewegungsfreiraum was Stellplätze und Streckenwahl betrifft, eine „bezahlte Unterkunft“ erwies sich nur in Istanbul als nötig, aber Versorgungsmöglichkeiten gibt es dennoch landesweit im Überfluß. Mit 100 EUR pro Woche (plus Sprit) kommt man gut über die Runden, Trinkwasser gibt es aus öffentlichen Brunnen, frisches Obst und Gemüse auf den Märkten, Sprit ist günstiger als gedacht und eigentlich nicht teuerer als daheim. Und: man wird überall geradezu behütet von gastfreundlichen Menschen! Plus Natur und Kültür satt, für Auge und Geist.

Insgesamt sind es gut 4000 km geworden, die wir im Land zurückgelegt haben, und wir haben noch längst nicht alle interessanten Regionen gesehen. Daß wir schlußendlich auch noch eine Runde um den Van-See anhängten, hat sich nicht nur wegen des MAN-Service in der Stadt Van gelohnt. Der größte aller türkischen Seen mit seinem sauberen und seidenweichen Wasser (seifig, da vulkanisch) und die schneebedeckten 4000er drumherum … eine Schau! Es gibt schöne, stille Stellplätze an seinem Ufer und die eine oder andere günstige Tanke. Als wir uns irgendwann wieder Richtung Norden orientierten, führte eine ziemlich „robuste“ Gebirgsstrecke nahe ran an die Grenze zum Iran und der Gegenverkehr bestand dann hauptsächlich aus persischen Tanklastern, riesige „Urviecher“, die reinsten Filmrequisiten aus „Lohn der Angst“.

Der höchste Punkt der Strecke war auf 2600m zu verzeichnen. Hier und da mit freiem Blick auf den Ararat und auch ansonsten spektakuläre Landschaft. Vulkanspucke, schroff, Gestein aber kein Geröll (denn sowas Kantiges rollt nicht), schwarz oder in allen denkbaren Rottönen, keine Pflanzen. Bizarr. Nur zum Anschauen, weil unbewohnbar, für nichts nutzbar.

Besucht haben wir unterwegs noch das ehemalige Räuber- und Schmugglernest Doğubeyazıt. Es hat einen sehenswerten Palast zu bieten, der aufgrund von Lage und Aufmachung jeder Fototapete von Neuschwanstein Konkurrenz machen kann. Darüber hinaus bietet der Ort allerdings nix außer lärmendem Jungvolk, das einem vor lauter Unterbeschäftigung und Nichtsnutzigkeit den Nerv raubt. „Hello, Hello“-Geschrei beim Vorüberfahren geht ja noch. Aber Party nach dem Fastenbrechen mit Türk-UzUz-Mucke und Lagerfeuer im Windschatten unseres Dickschiffs plus scharfen Schüssen in die Luft kurz vor Mitternacht?! Nein Danke.

BOXENSTOP in VAN

5 Wochen sind seit unserer Einreise in die Türkei vergangen. Nun bewohnen wir wieder Plätzchen am See. Bzw. auch hoch oben am Krater des Vulkans Nemrut (Namensvetter des Götterbergs). Natur pur, es hoppeln Hasen herum und Schildkröten schnaufen rudelweise eine neben der anderen durchs Gras. Auch hier ist’s einsam, schaut so aus, als wären wir nachts allein auf dem Vulkan. Dummerweise   ist uns mal eben der Hydraulikschlauch für die Kippvorrichtung des Fahrerhauses gerissen, also ab zum MAN-Service Ost-Anatolien (1 Garage, 1 Mann). Und da wir schonmal da sind, wird auch gleich unser Druckluftproblem angepackt, das sich seit einiger Zeit bemerkbar macht: kaum wird die Geländetechnik zugeschaltet, ist die Luft aus dem Kessel. Wie vermutet, war die Kolbendichtung im Hydraulikventil das Problem. Die Luft zischte jedes Mal über das Getriebe davon. Es finden sich passende Ersatzteile bzw. was nicht paßt, wird passend gemacht. Jedenfalls haben sich die 5 Stunden in der Box absolut bezahlt gemacht! Super-Arbeit! Trotz überschaubarer Mittel, unser Bordwerkzeug war allerdings willkommene Ergänzung…

TUNCELI und das MUNZUR-TAL

Auf direktem Wege wären wir danach rasch am Van-See gewesen. Aber die Region nördlich des Keban-Stausees interessierte uns so sehr, daß wir gut 200 km Umweg in Kauf nahmen. Hinter Elazig geht eine Fähre über den See nach Pertek und von dort führt eine Gebirgspiste via Hozat nach Ovacık, einem alevitisch-kurdischen Dorf im malerischen Munzur-Tal. Kein Verkehr auf der Strecke, zero. Der Fahrweg wurde nach Winterschäden gerade so geflickt, daß es ein Fahrzeug noch eben am Hang entlang schafft. Die Bergkulisse ist wunderbar anzuschauen und noch schöner wär es ohne die alle paar Kilometer wie mittelalterliche Festungen auf dem Kamm thronenden Posten der Jandarma - da wird Präsenz gezeigt. Wir bleiben zwei Tage im Tal, übernachten direkt am Ufer des glasklaren Munzur, der in seinem weiteren Verlauf im geschichtsträchtigen Euphrat aufgeht. Als wir einen Abstecher bis ins hinterste Tal-Eck unternehmen, genießen wir wieder einmal die wunderbare Gastfreundschaft hierzulande: wir halten bei einem Hirtenlager, werden spontan zum Tee eingeladen und man teilt mit uns das Mittagessen, das gerade auf dem Gaskocher steht. Es hat ganz viel Idylle zu bieten, dieses von 3000ern eindrucksvoll umrahmte Tal!

Doch an seinem Ende liegt die Stadt Tunceli und dort erwartet uns später das genaue Gegenteil von Idylle. Wir wissen, daß sich gerade in dieser Gegend dramatische Ereignisse abgespielt haben und die Geschichte wirkt noch nach. Checkpoint am Ortseingang, schwere Panzerwagen, Maschinengewehre im Anschlag, Pässe raus, Auto öffnen … In der Stadt kaum weniger Militärpräsenz, Jandarma und Polizei schwer bewaffnet an jeder zweiten Kreuzung.   Uns behandelt man mit ausgesuchter Höflichkeit, wir fallen schließlich nicht „ins Beuteschema“.  Alle paar Kilometer rollen wir durch Videoüberwachung - wer uns ernsthaft suchen sollte, der findet uns eh im nu. An die Checkpoints und Panzerwagen gewöhnen wir uns. Und gewöhnen müssen wir uns von nun an auch daran, daß egal wo wir uns für die Nacht hinplatzieren, Einheimische kommen und nach dem Rechten sehen, sich erkundigen, ob uns auch nichts fehlt: Wasser oder Essen. Man ist hier nie sich selbst überlassen.

Auf dem GÖTTERTHRON

Quer durch das anatolische Hochland geht es weiter - vom Türkischen ins Kurdische, mal sunnitisch mal alevitisch geprägt. Den Süden haben wir dabei vernünftigerweise ausgespart und sind der syrischen Grenze nicht näher als bis auf knapp 100 km gekommen. Heißer Sommerwind weht inzwischen über die Steppengebiete, aber unser Weg führt uns immer wieder auf über 2000m in die Höhe, dort ist es angenehm und die nächtliche Kühle erholsam. Wir konnten zum Beispiel eine einsame Nacht hoch oben auf dem (Götter-)Berg Nemrut verbringen. Ihn krönt ein gigantisches Grabmal, heute UNESCO-Weltkulturerbe, Zeugnis unvorstellbaren Reichtums des vor gut 2000 Jahren untergegangenen Königreiches Kommagene. Das Gelände ist frei zugänglich für jedermann. Zwar gibt es Kassenhäuschen am Fuße des Berges, aber niemand kassiert die 5 Fahrzeuge ab, die da derzeit pro Tag höchstens vorbeikommen. Dabei ist selbst die einst beschwerliche Zufahrt über Arsameia inzwischen komfortabel und zweispurig gepflastert. Nur reichlich Zeit sollte man für den Weg einplanen, das starke Gefälle mit durchschnittlich 10% über 15 km ist recht ordentlich.

Ein ALEVITISCHES DORF namens YEŞILDERE

Schlafen „dürfen“ wir im Auto, davon lassen wir uns nicht abbringen. Aber gegessen wird zuhause bei Ercan (einer der zwei Schaufelträger und Dorfvorstand) und seiner Frau Meryem, ihren Nachbarn und Verwandten. Da das Dorf komplett alevitisch ist, wird auch unter tags ordentlich aufgetafelt - Fasten gehört hier nicht zur Tradition. Meryem kocht fantastisch! Sie macht eigenen Käse, bäckt ihr Fladenbrot selbst, baut allerhand Gemüse im Garten an … aber falls das nach bäuerlichem Ambiente klingt, täuscht das. Das Haus ist nahezu neu, hat mehrere Etagen, ist modern eingerichtet, die Küche voller Bosch-Geräte. Und die verschiedenen Nachbarn, die uns nun alle zu sich einladen - in Gärten, Küchen, auf Balkone und Fernsehsessel - sind überwiegend „Auslandstürken“. Sie haben in D, GB oder F gearbeitet, sind inzwischen in Rente und kommen jedes Jahr für die wärmsten Monate des Jahres zurück in ihr Dorf. Jeder erzählt seine Geschichte, jede Geschichte fügt unserem Bild von Türken und dem Islam ganz neue Facetten hinzu. Ercan schenkt uns seine komplette Zeit und erst später registrieren wir, daß er doch eigentlich hätte schlafen sollen. Er arbeitet (gscheit bewaffnet) des nachts im Sicherheitsdienst am nahen Staudamm. Er zeigt uns den Damm und fährt mit uns bis hinunter an seine Basis, wo gerade gigantische Wasserrohre (3,50 m im Durchmesser) in die Erde versenkt werden. Großes Baustellenkino!

Am nächsten Tag ist Mittwoch und Markt in der rund 30 km entfernten größeren Stadt  Afşin. Jeden Mittwoch fährt deshalb das ganze Dorf geschlossen dorthin, wir sollen unbedingt mitkommen, alle laden uns dazu ein. Wie könnten wir das ablehnen?! Ercan fährt und wir haben noch seine Tante, seine Cousine und ihre 2 Kinder an Bord. Lustig ist’s im Auto - türkischer Fahrstil, mal aus anderer Perspektive.

Die anderen gehen schon einkaufen, wir machen mit Ercan Sightseeing. Unser deutscher Reiseführer schweigt sich zur Umgegend komplett aus, völlig zu Unrecht! Hoch über dem Ort thront zum Beispiel eine komplett restaurierte, sehr sehenswerte Karawanserei aus seldschukischer Zeit und mit einer netten Legende von sieben, in einer Höhle schlafenden Jünglinge (den Siebenschläfern) drumherum. Wow! Dann schlendern wir durch die Stadt und über den Markt und treffen alle Nachbarn wieder: „Hallo, Guten Tag! Grüß Gott“ So geht das alle paar Meter in diesem uns völlig unbekannten Ort (mit immerhin 80.000 Einwohnern!). Dann muß Ercan Besorgungen machen und ein Bekannter begleitet uns weiter. Als der dann auch los muß, stellt sich uns die Frage: wie finden wir Ercan wieder bzw. umgekehrt? „Kein Problem, Ihr wartet einfach in dem kleinen Supermarkt da.“ ??? Ganz normal hier, die Läden haben alle Sitzgelegenheiten für die auf Abholung wartenden Leute aus den Dörfern. Und jeder kennt jeden und insbesondere Ercan, der Buschfunk meldet unseren Aufenthaltsort durch. Der Besitzer des Ladens parkt ganz selbstverständlich mal eben unsere Einkäufe in seiner Kühltheke neben den Milchprodukten. Und weil wir doch auch Unterhaltung brauchen, fängt er auf der Straße alle Bekannten mit Deutschkenntnissen ab, die prompt den Kopf zu uns reinstecken: „Hallo, wie geht’s? Wo wohnst Du? Wieviele Kinder hast Du? Magst Du Tee trinken?“ Und Ercan taucht auch wirklich irgendwann auf, läd uns wieder ein ins Auto und heim geht’s, zum Essen, klar.

Es ist großartig! Aber hin und wieder brauchen wir eine Pause und verkrümeln uns ins Auto. Es dauert jedoch nie lange, bis Meryem ruft: „Anja, Anja, Anja, Çay!“ Und dann geht’s halt wieder los und weiter ins nächste Nachbarhaus … Abends muß Ercan dann zur Arbeit, aber Meryem und ihrer Tochter nehmen uns mit zu Tante und Omas und dort sitzen wir im Wohnzimmer, knabbern Sonnenblumenkerne und schauen türkische Serien. 5, 6, 7 andere Verwandte kommen dazu, allerhand Kinder auch, alle sprechen Türkisch, keiner Deutsch, wir sind trotzdem in alles einbezogen, irgendwie versteht man sich doch immer, auch ohne Worte. Zum Abschied werden wir von den Omas gedrückt, geküßt, für Türk-Facebook fotografiert  und man drängt uns: „Bleibt noch 5 Tage, nein 10, egal wie lange!!! Das Haus da drüber ist gerade zu verkaufen!“

Aber wir fahren, wenn man reist, muß es weitergehen. Mit „einer Träne im Knopfloch“ aber übervoll mit Eindrücken ziehen wir weiter. Was für ein Dorf! Klein und unscheinbar, aber eine ganz große Welt für sich mit den herzlichsten Menschen, die man sich denken kann. Çok teşekkürler, DANKESCHÖN Ercan, Meryem, Hassan, Asiye und all den anderen in Yeşildere!

Und nun Kappadokien. Wir nähern uns dieser schier unglaublichen Landschaft von Südwesten. Der Start ist holprig. Die so gelobten Thermalquellen von Ziga fließen nicht mehr, wir sind enttäuscht. Dafür fließen die einheimischen Touristen in Strömen und machen uns Anfahrt und Besuch der Ihlara-Schlucht schier unmöglich. Also gut, Naturbesichtigung muß warten, konzentrieren wir uns vorerst auf Geschichtliches. Wir fahren Güzelyurt an - früher mit überwiegend griechischer Bevölkerung und einst christlich religiöses Schwergewicht. Es gibt eine Fülle alter, griechischer Kirchenruinen, die zum großen Teil direkt in Fels und Gestein gearbeitet wurden. Wir können unmittelbar neben der Ruine der Analipsis-Kirche hoch über dem Ort über Nacht stehen. Die Kirche ist wirklich ruiniert! Mit Schmierereien entweiht, als Urinal mißbraucht, nurmehr Hintergrund für Foto-Halligalli von Jugendlichen. Den Felsenkirchen im Klostertal (wohl bereits aus dem 3. oder 4. Jahrhundert!) geht es etwas besser, obwohl auch dort die wenigen Deckenfresken zerkratzt und mit Graffiti malträtiert wurden. Dagegen ist die St.-Georg-Kirche in gutem Zustand - sie ist heute Moschee („church mosque“, „…the frescos and decorations in the church were covered with protective paint“…).

Außerdem quetschen wir uns durch die Gänge einer sogenannten unterirdischen Stadt. Höhlenbehausungen wurden hier vor Ewigkeiten tief ins Felsinnere getrieben. Die Vorstellung, hier würden Menschen tagein tagaus ihr Leben fristen, ist faszinierend und schaurig zugleich. Die Durchgänge von Raum zu Raum sind so eng, die Durchstiege zu tieferen Stockwerken nur Löcher im Boden … wir haben nicht restlos erkundet, wie tief hinab es noch ging, tief jedenfalls. Fazit: für Güzelyurt kann man getrost mehrere Tage einplanen, wenn man alles gesehen haben will. Und montags ist übrigens Markt - immer ein lohnendes Ziel für Selbstkocher wie uns, Gemüse, Obst und Käse satt.

Inzwischen hat der Ramadan begonnen. Es scheint tatsächlich etwas ruhiger in den Ortschaften zuzugehen. Die alten Herren sitzen zwar wie gewohnt an ihren Teestubentischen - allerdings ohne Tee, soweit man sieht. Trotzdem haben einige Restaurants geöffnet und auch Gäste. Uns wird die hiesige Fastenzeit schätzungsweise nicht berühren.

ISTANBUL

Wir sind nicht zum ersten Mal hier. Diese Stadt zieht uns immer wieder an, denn sobald zwei, drei Jahre vergehen, zeigt sie sich einem in wieder völlig neuem Licht. Aber besucht man sie dann mit dem eigenen Fahrzeug, wird einem auch klar: wo Licht ist, gibt es Schatten. Mit einem zweistellig tonnenschweren Fahrzeug und selbst mit einer Hupe der Bosporusdampferklasse ausgestattet, schindet man auf Istanbuls Straßen keinen Eindruck. Nix  Fahrdisziplin oder Vorausschau, ... aber gut, man paßt sich den Gepflogenheiten an und erreicht am Ende sein Ziel.

In der Stadt gibt es eigentlich nur noch einen guten Übernachtungsplatz, alles andere mußte Tunnelbau etc. weichen. Aber dieser Platz direkt am Zusammenfluss von Marmarameer und Bosporus direkt in Sultanahmed ist einfach genial gelegen! Man sieht die Frachtschiffe am Bosporus ein- und ausfahren, ab und an ziehen sogar Delphine vorbei!  Abends wird’s lebendig auf dem Parkplatz, dann kommen die Städter und nutzen ihn und das Meer wie Autokino. Natürlich schafft es jemand, auch hier frischen  Tee zu servieren, auch die typischen Sesamkringel kriegt man durch’s Autofenster geliefert. Oder gekochte Muscheln mit Reis, eßfertig appetitlich in den Muschelschalen verpackt und mit Zitrone angerichtet. Sehr zu empfehlen!

Aber auch unserer Nachbarn wegen haben wir die Zeit hier sehr genossen. Ein Karawan aus dem Iran parkte neben uns. Darin vier Perser, die als Scouts für ihren Verein "Persian Camper" das Terrain des Nachbarlandes erkunden.  Ausgedehnte Abende waren das mit ausgedehnten Gesprächen!

Durch’s MAKEDONISCHE WEINLAND gen OSTEN

Das Wetter hilft entscheiden: Regen am Strand vs. Weiterreise? Klare Sache. Wir verlassen die Chalkidiki und ziehen weiter. Wasserfassen wäre noch angesagt, allerdings gibt es hier in der Region jetzt schon, noch bevor die Urlaubersaison überhaupt erst begonnen hat, ein echtes Versorgungsproblem: kaum Druck auf den Leitungen, wir finden keinen Hahn zum Zapfen. Aber wir finden die Quelle am Berghang, an der die Einheimischen ihr Wasser in Kanistern direkt abholen - Natur pur ist uns eh am liebsten. Es ist kaum Verkehr um diese Jahreszeit, wir fahren genüßlich die Küste in nordöstlicher Richtung ab. Kurz vor Kavala beginnen wir mit der Stellplatzsuche, aber die Strände sind hier heillos verbaut. Alles entweder Privatgrund oder möbliertes Strandbad oder unzugänglich, aber ohne Meerblick wollen wir nicht. Die Rettung ist eine Festungsruine und  besser hätten wir’s kaum treffen können: altes Gemäuer, EU-finanziert restauriert, leider nur auf Griechisch beschildert, für Publikum nicht zugänglich, ebene Fläche davor, rundherum Blumenwiese, Fernsicht bis zum Meer, Stille …   Am nächsten Morgen ausgeruhter Start und vorsorgliches Volltanken im nahen Dorf. Die Griechen nehmen im günstigsten Fall nur 93 Cent pro Dieselliter. Die Türkei soll dagegen eher höherpreisig sein und wir erwarten, daß der Preis Richtung Grenze kontinuierlich anziehen wird. Die Vorsicht war jedoch gänzlich unnötig. Die letzte Nacht auf griechischem Boden verbringen wir  mitten in Alexandroupolos, das benachbarte Hotel "spendet" Internetzugang, wir können noch das eine oder andere organisieren und dann also los, auf in die Türkei!

Wir sind kaum raus aus der Stadt, steht eine gut 2 km lange Schlange Lkw am Rand. Hm, Rückstau von der Grenze? Wird verworfen, kann unmöglich wahr sein. Blockabfertigung an der Grenze? Noch nicht zu Ende gedacht, Polizei auf der Straße und Stop: „Customs closed!“.  Einer der Polizisten schnürt ums Auto rum, stellt fest: „ Wheel home?!“ und läßt uns weiterfahren. Aber nur, damit wir am Ende  dann auch selbst feststellen: customs closed, also Zoll-Streik auf deutsch.  Irgendwer erzählt uns, es würden ca. 10 Autos pro Stunde abgefertigt. Na bravo, wir zählen durch … Aber am Ende läuft es so, daß sie jeweils immer zur vollen Stunde für 10 Minuten aufmachen und das paßt dann glücklicherweise. Nach nur 45 Minuten Wartezeit sind wir raus aus der EU.

ELIA - ARKADIEN - MESSENIEN

Dann in Patras an Land und gleich weiter in den Südwesten des Peloponnes. Küste und Berge und Küste und … geschichtsträchtige Orte reihen sich aneinander. Homer und die antike Sagenwelt lassen grüßen. Ganz gleich, wohin es uns derzeit verschlägt, wir finden mühelos einen schönsten Übernachtungsplatz nach dem anderen. Das Land bietet einfach jede Menge Platz für alle und auch sonst gibt es von allem reichlich. Auf den Märkten frisches Obst und Gemüse für kleines Geld. In fast jedem Ort einen privaten Bäcker und Metzger, der seine Waren noch komplett selbst erzeugt. Trinkbares Quellwasser fließt aus öffentlichen Brunnen quasi direkt in unseren Tank.

Aber auch die Spuren der griechischen Krise sind unübersehbar. Allenthalben passiert man Bauvorhaben, die sich offensichtlich schon über Jahre hinweg nicht von der Stelle bewegen. In einer Stadt mußten wir ausufernde Müllberge umkurven - da funktioniert wohl schon seit Wochen die Müllabfuhr nicht mehr.  Die Straßen sind im Wesentlichen i.O., immer vorausgesetzt, die Berghänge bleiben stabil.  Die Enge der Ortschaften (und insbesondere tiefhängende Balkone) muß man natürlich mitbedenken, wenn man mit 10 Tonnen Lebendgewicht und 3,60 m in der Höhe daherkommt.

Willkommen sind wir hier an jedem Ort. Manch einer spricht ein paar Brocken deutsch,  die Namen unserer Politiker(innen) kennen sie leider alle, aber das tut der Gastfreundschaft keinen Abbruch, insbesondere nicht an diesem Wochenende, denn alle sind in feinster Feiertagslaune: es ist Ostern nach hiesigem Kalender.

4 1/2 Monate Kaukasus und zurück

132 Tage unterwegs in insgesamt 11 Ländern.

14.000 km im LKW, 1.500 km auf dem Moped.

90 verschiedene Übernachtungsplätze.

85 davon „in freier Wildbahn“.

23,5 l Diesel pro 100 km verbraucht.

51 l getanktes Wasser pro Tag verbraucht.

2x Werkstatt angefahren (1x Reparatur, 1x Abschmieren).

Max. erreichte Straßen-Höhe: 3.200 m.

KAPPADOKIEN

Wir konnten uns gleich für drei Nächte mitten hinein in die bizarre Landschaft platzieren. Im Gomeda-Tal bei Mustafapaşa standen wir an idyllischem Fleck, auf bestem Ausgangspunkt für lange Streifzüge zu Fuß durch das Tal, die Felsenkirchen und Wohnhöhlen und wir begegneten nahezu keiner Menschenseele dabei. Aber auch das Moped kam zum Einsatz für Ausflüge nach Göreme, Uchisar, Avanos … Insbesondere Göreme ist ja der eigentliche touristische Hotspot hier. Gehört bei Antalya-Urlaubern auch gerne zum Rahmenprogramm (wer kennt nicht diese wunderbare Ballon-Panorama-Ansicht im Morgengrauen, die so viele mit nachhause nehmen?!) Wir fanden den Ort nahezu verwaist vor. Drei, vier Asiaten sonst niemand unterwegs. Die komplette Armada an Safari-Jeeps verstaubt in den Garagen, die unzähligen Ballone stecken ungenutzt in den Depots. Und die Einheimischen sind am Verzweifeln, hier kommt gerade definitiv ein einträglicher Geschäftszweig zum Erliegen. Aber vielleicht erholt sich nun wenigstens die Natur. In Göreme sieht es aus wie auf dem Mond, da wächst kaum noch ein Grashalm - Ballonen, Jeeps und Quads sei Dank.  Wer Kappadokien eigentlich „erfunden“ hat, sind die Vulkane der Gegend natürlich, nicht zuletzt der Erciyes. Der ist  nun unser nächstes Ziel...

ERCİYES DAĞI

Er ist 3.916m hoch und noch dick schneebedeckt um diese Zeit. Wir kommen auf dem Weg dorthin durch kleine Orte mit stattlichen Villen - der Speckgürtel von Kayseri, eine der “türkischen Tiger-Städte“, wie es immer so schön heißt. Aber hier geht tatsächlich was voran, man sieht die Ausdehnung der Industrieanlagen besonders gut von oben. Wir haben es zumindest bis auf 2.650m mit unserem Dickschiff geschafft, weiter ließ uns der Schnee nicht fahren. Die Straße war defacto schon am Fuß des Berges zu Ende, aber es tat sich doch immer wieder eine Piste auf, die weiter nach oben führte, bis direkt vor die Hütte des türkischen „Alpenvereins“, die als Basislager für die Nordbesteigung dient. Über Nacht blieben wir allerdings am Kratersee etwas tiefer. Die Anfahrt war recht ruppig, die Tachonadel kam nicht nennenswert über 10 km/h, kein Esel auf dem Weg vor uns brauchte das Überholen  zu fürchten. Aber jeder Esel fürchtet sich natürlich vor uns, haha.  Der See war aber definitiv eine angemessene Belohnung für die Mühen. Ein paar wenige Hirten wohnten am Ufer in großen weißen Zelten, waren aber von früh bis spät mit ihren Herden am Wandern. Der Berg ist kahl gefressen, ohne Bewegung wäre für die Tiere gar nichts mehr zu holen. Und er ist durchlöchert von Abermillionen kleiner Wuseltierchen, die aussehen, wie Eichhörnchen ohne Schwanz. Sie sind überall und wuseln und fressen und jagen sich und haben uns damit auf’s Netteste unterhalten. Ansonsten Stille und Sonne und Beschaulichkeit. Wir wären gerne noch länger geblieben und das hätte wohl auch den Hirten gefallen. Einer brachte uns nach getaner Arbeit mal einen großen Pott frischer, melkwarmer Milch vorbei (Ziege? Schaf? Esel?). Sie war erstaunlich neutral im Geschmack, sehr cremig und damit wohl auch gehaltvoll ohne Ende. Perfekt für unser warmes Frühstücks-Haferflocken-Gemisch!


Und jetzt folgt die ganz besondere Geschichte... Zwei Tagesreisen ist unser nächstes Ziel entfernt, d.h. 1x übernachten „auf der Etappe“. Dazu braucht es lediglich einen ruhigen Platz in schöner Natur, aber ohne großen Suchaufwand: eine Sackgasse, die von der Hauptstraße abgeht, ein Flüsschen daneben, der nächste Ort 5 km entfernt, perfekt. Am Morgen zeitig raus aus den Federn um weiterzukommen. Aber urplötzlich steht ein Auto vor uns auf dem Weg, kein Durchkommen. Zwei Männer vorm Küchenfenster, Schaufeln geschultert, ernste Miene rund um den schwarzen Schnauzbart. Kurzer Gruß, sie gehen wieder. Na gut, das wird sich regeln lassen, wir frühstücken erst in Ruhe. Dann raus aus der Haustüre: das Auto ist noch da. Und plötzlich auch wieder die Männer und ihre Schaufeln! Was wird das?! Kurzer Moment der Spannung …. dann lachen die beiden: „Merhaba! Hoş Geldeniz!! .. Ihr seid Deutsche, Ihr müßt mit ins Dorf kommen. Çay trinken!“ Ähm, eigentlich wollen wir ja weiter … Aber wir besinnen uns augenblicklich: Eile ist der falsche Ansatz! Um ein Land kennenzulernen, muß man mit den Leuten in Kontakt kommen. Also los, wir fahren ihnen nach ins Dorf. Und dort nimmt dann quasi das Schicksal seinen Lauf, denn kaum sind wir gelandet, wird uns auf wunderbare Weise die eigene Lebensführung komplett aus der Hand genommen. Aus einem Tee werden 2 Tage und Nächte am Ende einer staubigen, unbefestigten Straße, im kleinen Ort Yeşildere.