TUNESIEN

April 2012. Die Ereignisse, die als Jasminrevolution in die Geschichte eingingen, liegen erst kurze Zeit zurück. Das Land ist in Bewegung geraten und verändert sich stark. Eine gute Zeit, Tunesien zu besuchen? Keine schlechte jedenfalls, so unsere Sicht auf die Dinge. Also planen wir eine 3-wöchige Tour auf eigene Faust, wenn machbar auch abseits der ausgetretenen Pfade. Der Weg führt uns im Uhrzeigersinn durch ein Land im Umbruch. Große Vorfreude ist angesagt, kleine Anspannung auch ...

 

                  Tunis - Cap Bon - Nabeul - Kairouan - Mahdia - Zarat bei Mareth - Tamazret - Ksar Hallouf - Ksar Ghilane - Douz - Tozeur - Chott el Djerid - Tamerza - Midès - Hammam Mellegue bei El Kef - Dougga - Chemtou - Bulla Regia - Tabarka - Sidi Bou Said -  - Karthago - Tunis

Es geht los!


Auf nach Genua, unserem Fährhafen Richtung Tunis. Allerhand abenteuerlich beladene Kleintransporter mit meist deutschen Kennzeichen verstopfen den Anleger, warten scheint’s schon länger hier. Motorroller, Fahrräder, Bettgestelle und Kühlschränke türmen sich auf Autodächern gen Himmel. Die Bodenfreiheit tendiert allgemein gegen Null und mit der Fahrtüchtigkeit ist es auch nicht weit her, zumindest bei einigen, wie sich beim Verladen später herausstellen sollte. Wir erledigen die Formalitäten und reihen uns ein, finden das lautstarke Gewimmel um uns herum ganz unterhaltsam, es verkürzt uns jedenfalls nett die Wartezeit. Irgendwann heißt es dann endlich: Verladung in einer Stunde. Tja, das hätte bestimmt auch funktioniert, wenn denn genug Fahrer für alle Fahrzeuge an Ort und Stelle gewesen wären. Doch leider bleiben rund 70% der Autos „unbemannt“ und hartnäckig am Fleck. So schiebt man, was sich schieben läßt, aus dem Weg oder, was eh nicht mehr fahren kann, direkt auf’s Schiff. Wir bahnen uns einen Weg bis ran an die Ladeluke, doch dann stimmt irgendwas mit unseren Papieren nicht. Man schickt uns zum x-ten Mal zurück zur Polizia, den x-ten Stempel besorgen. Schnauf! Das System (noch sind wir auf europäischem Boden!) hat ganz offenbar so seine eigenen Regeln. Dann ist’s vollbracht, wir rollen endlich an Bord, installieren unseren Dicken auf dem Autodeck und bestaunen dabei einen Trupp schmucker italienischer Harleys, die direkt neben uns verzurrt werden. 

Als erstes Schiffserkundung, ist aber nicht wirklich ergiebig. Immerhin erbeuten wir unterwegs die nötigen Zollformulare (französisch / arabisch) für unsere beiden Fahrzeuge, denn unsere Hex -  d.h. das Honda-Moped - tragen wir auf dem Laster huckepack. Am frühen Abend eröffnen tunesische Polizei und Zoll ihr Büro in der „Imperial Lounge“. Die dürfte ursprünglich als Restaurant und Tanzbar gedacht gewesen sein, ist jetzt aber eher „nüchtern“ gestaltet und halt sinnvoll zweckentfremdet. Nach gut einer Stunde sind wir durch, soll heißen wir haben uns an 3 Schreibtischen „vorbeigewartet“, diverse Stempel für unsere Pässe gesammelt, verschiedenste Ausdrucke der kryptischen Art in die Hand gedrückt bekommen und sind nun sehr gespannt, ob wir dafür tatsächlich bei der Ankunft mit schnellerer Abwicklung belohnt werden. Als wir dann nichts mehr zu tun finden und sich zudem der Hunger meldet, öffnen wir eine Flasche Rotwein, schnippeln mit dem Taschenmesser Käse und Salami aufs mitgebrachte Brot und fallen unmittelbar danach zufrieden ins Bett unserer Kabine. Guter Start, gute Nacht! Das Schiffchen soll uns nun mal schön nach Afrika schaukeln!


Der Check-in. Ein erster Härtettest für die Nerven! 


Dann sind wir da, in Afrika! Ungünstigerweise hat kurz vor uns eine weitere Fähre angelegt, denn die Entladung läuft noch und die Hallen des Zolls stehen voller Fahrzeuge. Aber Geduld! Wir sitzen im Auto und von unserer erhöhten Position aus können wir exklusiv und mit offenem Mund das weitere Geschehen verfolgen. Wer nämlich bislang glaubte, es gäbe für niemanden - insbesondere nicht auf einer vollbeladenen Fähre - die Möglichkeit, auf der Stelle zu wenden, wird hier eines Besseren belehrt. Man tut das hierzulande und zwar kollektiv und kraftvoll! Das Schiff "steht" noch nicht mal richtig, da gerät alles ad hoc in Bewegung (ausgenommen natürlich wieder die Fahrzeuge, bei denen der Fahrer fehlt). Man rangiert auf Millimeter. Man hupt sich gegenseitig die Abstände zu. Schrubbt aneinander vorbei und klar: da geht auch mal ein Seitenspiegel drauf. Ab und zu schrillt die Trillerpfeife der Schiffsbesatzung … und eh man sich’s versieht, ist das halbe Deck leer. It’s magic!


Was soll’s, wir machen’s nach. Also so ansatzlos raushüpfen aus der Parklücke, drehen, vor, zurück, rüber, nüber, keinen vorlassen, bloß nicht, man würde sonst vielleicht als Letzter übrig bleiben, was oberpeinlich wäre … Uff. Alles noch heile. Draußen werden wir unter ein großes Dach gewinkt mit ungefähr 8 Fahrspuren. Und was natürlich wieder klar war: auf unserer geht es am langsamsten voran. Am Ende einer jeden Spur steht ein Häuschen und wir bilden uns blauäugig ein, da würde man dann kontrolliert und hätte es geschafft. Die Verantwortlichen, die dort sitzen sollten, laufen die Reihen ab, schauen sich die Pässe an, aber geschafft hat man damit noch rein gar nichts! Was so geordnet unters Dach gestellt wurde, verdichtet sich an dessen Ende wieder zum chaotischen Pulk, wo einem nur wieder die pure Unerschrockenheit weiterhilft. Bloß keinen Millimeter nachgeben, dann schafft man es auch irgendwann durch’s nächste Etappenziel.

Ein schmales Tor, einspurig. Dahinter: wieder nur eine Einweisung in irgendwelche Spuren unter Dach. Und Pech: drei Fahrzeuge vor uns verschwindet erneut ein Fahrer spurlos. Wir sitzen fest und werden nach hinten durchgereicht. Die Stunden verrinnen. Der Geräuschpegel ist unglaublich, Geschrei und laufende Motoren. Unser Geduldstacho erreicht den roten Bereich! Aussteigen, vorlaufen, schauen, sich weiter aufregen … Auf einmal bewegt sich der Vordermann. Aber in die falsche Richtung, was macht der Mann mit dem Rückwärtsgang?! Mit der vollen Kraft des aufgestauten Frusts kriegt er unser Signalhorn um die Ohren. Leider steht gerade einer der Paßkontrolleure neben uns und stirbt beinahe vor Schreck. Ach, das ist unglücklich, „Pardon Monsieur!“ Ab jetzt also Obacht, wir wollen es uns auf keinen Fall so kurz vorm Ziel mit der Obrigkeit verscherzen.

Und wir schaffen es, wir pressen uns wie ein Riesenkamel durch’s finale Nadelöhr. Die Tunesienfahne, die wir uns als Sympathiebeweis schon vor Abfahrt besorgt und ans Beifahrerfenster gepinnt hatten, verabschiedet sich im Eifer des Gefechts. Ein Grenzer trägt sie uns hinterher: „Merci beaucoup Monsieur!“ Dann weist man uns erneut auf eine Spur ein. Wohin? Da rein? Ok, gut, also vorwärts und …. knirsch-krawumm. Stille. Wo hat es uns erwischt, oben rechts?! Aussteigen, Nachschauen … Entwarnung, das Auto ist heil. Geknirscht und mit Sicherheit den Geist aufgegeben hat dagegen eine Reihe Leuchtstoffröhren am Dach der Halle, die wir offenbar mit dem Astabweiser abgebürstet haben. Das tut uns leid, interessiert aber außer uns niemanden. Man bittet uns nur, doch jetzt lieber schön mittig durchzufahren. Gute Leute, wir sind zu hoch! Zu ho-hoch!!!

Wir arbeiten uns also auf eigene Faust neben dem überdachten Bereich nach vorne. Dort steht dann auch endlich (endlich!!!) ein Zöllner für uns bereit. Ganz Autorität baut er sich neben der Fahrertür auf und wedelt energisch mit dem rechten Arm: „Les Passeports!“ Der Fahrer deutet auf mich, die ich mich in aller Stille schonmal neben dem Herrn in Uniform in Stellung gebracht habe: „Madame hat die Papiere.“ Und da strahlt er los und mich an wie auf Knopfdruck, die personifizierte Höflichkeit! Galant und hilfsbereit schickt er seine Leute los, zu organisieren, was zu organisieren ist, und ab da geht alles vollautomatisch. Ich brauche mich keinen Zentimeter von der Stelle zu rühren, alle Stempel kommen zu mir und schon wenige Minuten später ruft man dem Fahrer die erlösenden Worte zu: „Allez-y, Monsieur, allez-y“! Aber gern, nix wie raus hier! Vorm Tor will man uns dann noch mehr Tunesienfahnen verkaufen. Dicht an dicht stehen dort Jeeps und Expeditionsmobile, die auf die Ausreise warten. Es ist ein wenig, wie gegen den Strom schwimmen. Wir konzentrieren uns nun nur noch auf den Ausgang und ein Durchkommen durch die Fahrzeugmassen, denn es wird allmählich dunkel, wir sollten schnellstens einen Stellplatz finden.

Erste Station: Weinanbauregion


Eine gut ausgeschildert Straße führt uns nun als erstes auf die Halbinsel Cap Bon …durch kleine Ortschaften mit freundlichen Menschen und durch eine üppig grüne Landschaft hindurch. Am ersten Tag ein kurzer Abstecher an die Küste, nach Kobous. Ein betriebsames Städtchen, augenscheinlich voller Kurgäste, denn hier gibt es heiße Quellen und mehrere Badeanstalten. Wir genießen Thé à la menthe und fahren weiter in Richtung El Haouaria, dem Ort an der Spitze der Halbinsel. Schöne Straße, viel normales Leben. Dort kommen wir zur Mittagszeit an und folgen der Restaurantempfehlung unseres Reiseführers.

Wir sitzen am Meer, essen frische Dorade mit Salat, Pommes frites, duftendes Baguette und es gibt tunesischen Weißwein! An fast allen Tischen wird Wein getrunken, wobei die Kellner den Alkoholausschank überaus dezent managen. Die Flaschen sind entweder in große Servietten gewickelten oder in Weinkühlern voller Geraniensträußen verstaut. Das nennen wir gesunden Pragmatismus! Wir diskutieren ein bisschen über Sinn und Unsinn des Weintrinkens und –tarnens, doch am Ende ist auch an unserem Tisch eine Flasche geleert. Ein bisschen klettern wir über die Felsen am Ufer und könnten auch direkt die Grotten besuchen, die sich unmittelbar neben dem Lokal befinden, werden aber mit dem unentbehrlichen Führer über den Preis nicht einig. Im Reiseführer steht etwas von 1 TD Eintritt, der Mann verlangt aber 20 und ist auch mit den von uns angebotenen 10 nicht zufrieden. Dann also nicht, wir trollen uns. Weiter geht es zum Strand Rass ed Drek. Leicht zu finden. Und wen treffen wir dort? Die Harleyfahrer von der Überfahrt! Der Strand ist wirklich hübsch und bis auf einige Fischer ganz leer. Wir stellen uns etwas abseits in den Sand und genießen das Dasein. Eine Meute Schäferhunde umlagert uns, sehr verspielt, aus auf Stöckchenwerfen und irgendwie nicht abzuschütteln.

Am nächsten Morgen wühlen wir uns sachte aus dem Sand und fahren weiter Richtung Kerkouane – der recht bedeutsamen Ausgrabung einer punischen Ortschaft. Als wir ankommen, ist bereits eine Schulklasse innerhalb der Ruinen unterwegs und weitere kommen dazu. Man schert sich da wenig um die Absperrungen und von Ehrfurcht gegenüber der Einmaligkeit der erst 1953 wiederentdeckten Altertümer keine Spur. Schulklassen halt, da gibt es wohl weltweit kaum Unterschiede. Zum Glück ist das Gelände recht weitläufig und wir haben so genug Gelegenheit, uns in Ruhe ein Bild von all dem zu machen - einer der Wärter ist immer zur Stelle, um uns ein paar erklärende Worte mitzugeben. Uns zieht es dann weiter in Richtung Nabeul, dort wollen wir übernachten und uns am Tag darauf die Stadt anschauen. Unterwegs machen wir in Kelibia halt. Über dem Ort thront eine stattliche Festung. Am meisten interessiert uns allerdings der Fischerhafen mit Netzflickern und Bootsbauern bei der Arbeit. Wir schlendern ein wenig umher, kaufen uns Erdbeeren, weil sie uns einerseits so anlachen und wir andererseits für frische Fische entschieden zu spät dran sind. Leider finden wir in Nabeul keinen Stellplatz wie erhofft und ziehen kurzerhand weiter, bis wir fast Tazerka erreichen.

Wir parken am Rande einer Lagune, einem Paradies für Vogelbeobachter, aber uns begegnet außer ein paar Schwalben nichts. Wir schlürfen gerade einen Sundowner und lassen den Tag Revue passieren, als die Police auftaucht. Ganz freundlich und bemüht. Sie empfehlen uns, hier besser nicht stehen zu bleiben, denn es sei doch recht gefährlich, es gäbe manchmal Leute, die zu viel trinken und dann ... Ah ja. Wir bedanken uns sehr für den Rat, alle verabschieden sich. Und wir beschließen zu bleiben. Doch kurz nach 23 Uhr ist sie halt doch wieder da, die Police. Hupt zweimal, läßt die Lichtorgel an und bittet nun nachdrücklich darum, ihr zu folgen und bis vor das nahegelegene Café zu fahren. Also gut,  ich steige gar nicht erst aus dem Bett, Peter klettert durch unseren „Löwentunnel“ ins Fahrerhaus, denn das Fahrzeug zu verlassen, kommt um diese Uhrzeit natürlich nicht mehr in Frage. Wir bekommen am Ende noch die Mobil-Nummer der Polizei in die Hand gedrückt für alle Fälle: man sei jederzeit für uns erreichbar, wird uns versichert! Sind wir sicher?


Hammamet? Eher ned!


Die Nacht war ganz ok, ein paar quietschende Reifen wie bei Autorennen irgendwo in der Nähe  … Na gut, an der Geschichte mit den Betrunkenen mag wohl etwas dran gewesen sein, aber dass wir tatsächlich in Gefahr waren, glauben wir nicht. Wir ziehen los, um unseren Stadtspaziergang durch Nabeul zu unternehmen. Wir stellen den Laster etwas hinter dem Bahnhof ab und spazieren als erstes ins staatliche Artisanat. Unterwegs gibt es frischen Jus d’Orange bei einem kurzen Abstecher zum Souk, der mit extrem touristischem Angebot aufwartet, wenn auch momentan kaum ein Tourist den Weg hierher findet. Wir schlendern auch durch die Einkaufstraßen der Einheimischen, wollen Knoblauch kaufen und bekommen ihn am Ende geschenkt. Eine dicke Eisenkette zum Sichern des Mopeds finden wir noch in einem Laden, die wollten wir eigentlich von Anfang an schon dabei haben. Was sich die Verkäufer so denken mögen, was wir Touris mit einer Kette wie dieser so anfangen werden? Weiter geht’s dann auf der Straße Nr. 1 in Richtung Sousse, wobei wir nur bis Hergla fahren und dort die Nacht verbringen wollen. Wir kommen dabei zufällig durch die sogenannte „zone touristique“ von Hammamet und erschrecken beim Anblick einer propperen europäischen Mami beim Einkaufen: sie ist im Badeanzug unterwegs! Das ist alles andere als sehenswert und wir haben einen Anflug von Verständnis für die eine oder andere Respektlosigkeit der Einheimischen in den Tourihochburgen. Wie respektlos ist denn  diese Frau, daß sie in einem muslimischen Land so auf die Straße geht?!


Unterwegs tanken wir für wohltuend wenig Geld (50 Eurocent pro Liter) und finden zudem frische 400 l Trinkwasser, die uns lediglich einen Ratsch mit dem Tankstellenschef und eine Tafel Schokolade kosten. Aus dem Auto heraus kaufen wir am Straßenrand leckeres, nach Olivenöl und Gewürzen schmeckendes Fladenbrot und als wir am Horizont ein paar rauchende Grills entdecken, genehmigen wir uns ein Stückchen Lamm (Peter) und nichts mit Lamm, d.h. Pommes mit Salat (ich). Von Zeit zu Zeit durchfahren wir Checkpoints. Die Uniformierten - sehr eindrucksvoll mit weißen Koppeln und glänzenden Schaftstiefeln  - stoppen und kontrollieren intensiv, wir jedoch werden stets durchgewunken. Aber kaum haben wir unseren Schlafplatz bezogen und es uns mit Lesestoff in der Sonne gemütlich gemacht, kommt ein Sicherheitsmensch (Sécurité, Garde Nationale, Police …. wer weiß das so genau?) auf einem Quad herangetuckert, fragt nach Nationalität, Anzahl der Personen, ob es irgendwo Probleme gab …  und versichert, man sei da, wenn wir Hilfe bräuchten. In uns reift die Überzeugung, man habe sich im Lande allerorten vorgenommen, seine Touristen sorgfältig zu hüten. So richten wir uns also beruhigt ein beim Rauschen der Wellen.

Aber, es wird uns auch diesmal nicht vergönnt, des nachts an Ort und Stelle zu bleiben. Mitten aus dem Tiefschlaf holt uns diesmal das polizeiliche Klopfen und man bittet uns erneut sehr freundlich darum, den Platz zu verlassen und  ins Centre-ville zu fahren für die Nacht, denn: „il y a de danger“. Wir folgen diesmal brav und „tapsen“ in die Stadt. Einfach so und ohne große Umstände stellen wir uns in Hafennähe in eine größere Parkbucht. Am Morgen und bei Sonne betrachtet, ist der Platz sogar recht schön und wir entschließen uns, nach dem Frühstück noch ein wenig durch Hergla zu bummeln. Aber nicht ohne erneutes Umparken - diesmal stehen wir einem tunesischen Filmteam im Weg. Wir schauen im Hafen vorbei und nehmen einen Kaffee am Hafenkiosk. Es gibt allerhand Korbflechter in der Altstadt und Souvenirläden. Man kann also getrost annehmen, dass hier normalerweise allerhand Touristen vorbeischlappen - heute sind wir die einzigen Ausländer. Alle Gebäude sind in weiß mit hellblau gehalten und bei guter Pflege - ein schöner Ort.

Heilige Stadt des Islam


Heute haben wir uns einen Besuch von Kairouan vorgenommen, eine der vier großen heiligen Städte des Islam. Es wird kontinuierlich wärmer, je weiter wir uns von der Küste entfernen und als wir um die Mittagszeit dort eintreffen, hat es gut 30 Grad. Zurechtfinden scheint schier unmöglich in dieser Stadt - zumindest für alle, die kein Arabisch können. Die Straßen sind in bedauerlichem Zustand und man weiß nie genau, wo eine Avenue, eine Altstadtgasse oder einfach gar nichts beginnt oder endet. Eigentlich wollten wir einen der empfohlenen bewachten Parkplätze ansteuern, müssen das Vorhaben aber aufgeben. Wir parken kurzerhand direkt vor einem Posten der Garde Nationale, was ja an Sicherheit kaum zu überbieten sein dürfte. Dann laufen wir auf gut Glück los und landen schon nach kürzester Zeit am Platz der Märtyrer, wo sich auch die Touristeninfo befindet. Nun ausgestattet mit einem richtigen Stadtplan machen wir uns auf zur Erkundung der Medina und stellen fest: wir sind auch hier die einzigen Touristen weit und breit.

Wir hatten vermutet, dass aufgrund der Bedeutung des Ortes die Einhaltung der Vorschriften des Islam in Sachen Kleidung etc. etwas strenger gehandhabt würden. Aber mitnichten, es gibt hier nicht mehr und nicht weniger „typische Koranschüler“ als in den anderen Orten, die wir bislang sahen, und auch nicht mehr oder weniger Frauen mit Kopftuch. Verschleierte Frauen sind offenbar generell die extreme Ausnahme im Land.

Es gibt ein paar halbherzige Versuche, uns Taschen, Babuschen oder Kaftane zu verkaufen, aber man gibt schnell und irgendwie resigniert auf. An einem Laden mit Turkish Coffee können wir jedoch keinesfalls vorbeigehen und es ist tatsächlich der beste Kaffee der Welt! Stark und süß und irgendwie parfümiert, ein Traum! Die große Moschee schauen wir uns nur von außen bzw. oben an. In einem Nachbarhaus mit Teppichhandel kann man für 2 TD aufs Dach und einen Blick in den Innenbereich der Moschee werfen.

Gasthof zur Garde Nationale


Nächster Halt ist Sfax, denn wir brauchen frisches Wasser. Während wir an eine Tankstelle den Trinkwassertank auffüllen (was diesmal eine gute Stunde dauert) kommen wir mit den Männer rundherum ins Gespräch. Alle wie gewohnt freundlich, wünschen uns allenthalben „Bonnes vacances!“. Einer der Tankstellenangestellten traut sich, der Dame des rollenden Hauses drei kleine Rosenblüten zu schenken. Die ist gerührt ohne Ende! Unsere kleine Tunesienfahne am Beifahrerfenster wird auch immer aufs herzlichste begrüßt, aber ach, sie geht uns ein paar Kilometer weiter im starken Küstenwind verloren. So schnell werden wir bestimmt keinen Ersatz finden.

Am meisten und ganz brennend interessiert die Herren immer unsere Huckepack-Honda. Moped fahren hier viele, vorzugsweise die Männer, nur ganz selten sehen wir eine Frau auf einem Roller. Heute überholten wir einen Vater mit seinen vier Söhnen zusammen auf einer einzigen Maschine. In der Mitte der Strecke zwischen Sfax und Gabès machen wir Mittagspause. Auf der anderen Straßenseite stehen etliche Geländewagen im Schatten unter Bäumen und dazwischen eine lange Tafel mit Touristen beim Mittagessen. Es gibt also doch noch andere! Ein paar hundert Meter weiter ein Reisebus auf Toiletten-Stop. Aha, die Insel Djerba ist nicht weit. Bei uns pirschen sich derweilen während des Kochens und Essens zwei einheimische Jungs in Fußballtrikots an. Winken und grüßen und kommen langsam einen Meter nach dem anderen näher. Wir winken zurück und finden die beiden ganz nett. Irgendwann aber ein Pfiff und beide gehen augenblicklich auf Abstand. Woher der Ordnungsgong kam und von wem – völlig unklar, aber absolut wirkungsvoll. Irgendwer glaubte wohl, sie würden uns belästigen. Schade eigentlich. Wir verabschieden uns mit Winken und Hupen.

Wir ziehen weiter unseres Weges, zurück an die Küste in Richtung Mahdia. Der Reiseführer empfiehlt einen Stellplatz am Leuchtturm und so schlängeln wir uns mühsam durch die gesamte Stadt bis an die letzte Spitze der Halbinsel. Aber es stellt sich heraus, daß der Weg am Ende direkt über einen Friedhof führt, d.h. die Straße geht mitten durch ihn hindurch und alle Fahrzeuge brettern an den Familien unmittelbar vorüber, die sich hier und da an den Gräbern versammeln. Das muß ja nun nicht sein, also stoppen wir schon vorher, finden unterhalb der Festung einen guten Platz, der auch den Segen der Polizei haben dürfte: Laterne, Stadtnähe … keine Gefahr. Weiter unten in Hafennähe hätte es uns ebenfalls gefallen, aber morgen ist Freitag, Markttag in der Stadt und die Stände werden ziemlich sicher da unten aufgebaut - vermuten wir zumindest. Daß sich der Markt bis zu uns hoch ziehen würde, können wir uns nicht vorstellen.

Am Abend ist dann noch ordentlich Betrieb um uns herum. Die Leute kommen zum Meeranschauen, was auch uns gefällt.


Wir sind umzingelt


Und dann kommt der Markt plötzlich doch zu uns! Und zwar schon kurz nach 5 Uhr. Wir schlafen noch. Hinter uns ein gut beladenes Auto und ein halbes Dutzend Männer, die ratlos herumstehen. Sie wollen uns wecken und wissen nicht wie. Als einer an unserer Mopedsicherungskette herumfummelt, erreichen sie aber ihr Ziel augenblicklich. „Bonjour“ hin, „bonjour“ her, und wie es fast immer so ist, wenn man hier einem Grüppchen Leute begegnet: einer spricht halbwegs deutsch. Und der erklärt uns nun freundlich, dass wir schleunigst weg müssen, wir stehen auf seinem Stammverkaufsplatz. Oh, „Pardon Monsieur!“, da bringen wir ihn wohl in arge Schwierigkeiten, das wollen wir auf keinen Fall, wir verlieren keine Zeit und springen auf. Ungekämmt, zerknittert, fern der Heimat treten wir ins Tageslicht und ernten sympathisches Gelächter in der Runde. Sorgfältig bewegen wir uns Meter für Meter durch das bereits ganz erhebliche Marktgewühl, aber ziemlich schnell wird klar: zu spät, es gibt keinen Ausgang mehr, wir sind umzingelt, Sackgasse. Ja, dann ist das halt so.

Wir pressen uns so eng es geht irgendwo an den Rand und bleiben. Beim Schlendern über den Markt sind wir buff. Es müssen etliche Kilometer sein, die da über Nacht mit Ständen und ähnlichen Provisorien belegt wurden. Und verkauft wird alles: BHs, Bosch Bohrhammer, Roller und einzelne Kaffeetassen - jeweils hundertfach. Auch einen Bücherstand gibt es! Wir kommen an einem Frisörgeschäft vorbei und warum die Gelegenheit nicht nutzen? Der Frisör ist etwa 75 Jahre alt, hat einen herrlich „antiken“ Laden und arbeitet richtig klassisch. Zwischendurch kommt jemand, den er Ahmed ruft, mit einem Kaffeetablett vorbei und wir werden mit einem Glas - schön schwarz und süß - bewirtet.

Kurz nach 15 Uhr kommen wir dann endlich frei. Vom lebhaften Markt ist nur noch ein unglaublicher Müllhaufen übrig geblieben. Unseren ursprünglichen Plan, auf die Kerkenah-Inseln oder Djerba zu fahren, haben wir aufgegeben. Aber ab Guedabna soll es einen kilometerlangen schönen einsamen Strand geben und auf den sind wir nun aus. Einen kleinen Zwischenfall gibt es, als wir durch Ksour Essaf kommen. Ein paar Halbwüchsige stehen vor einem Fußballplatz herum und als wir vorbeikommen und wegen eines Bremsbuckels in der Fahrbahn verlangsamen müssen, fliegen Steine durchs offene Fahrerfenster. Getroffen. Nicht schlimm, aber durchgehenlassen kann man so etwas keinesfalls. Also Stopp und Peter raus, um die Jungs zur Rede zustellen. Die gebärden sich aber so rotzfrech, dass sogar drei Männer, die zur Unterstützung dazukommen, kapitulieren und nur noch empfehlen können, zur Polizei zu gehen. Das tun wir dann auch. Man ist dort sofort bereit zur Hilfe und zwei Polizisten fahren an Ort und Stelle, aber natürlich sind die Jungs inzwischen stiften gegangen. Wir lassen es gut sein, das gewollte Zeichen ist gesetzt und auch die Herren von der Polizei sind froh, dass kein größerer Akt daraus wird. Wir fahren also weiter, biegen ab in Richtung Strand. Nun gut, er entspricht nicht ganz dem Erwarteten, aber Beschluß: Wir bleiben vorerst hier. Pausetag.


Und wer sich auch noch brennend für uns interessierte, war die Mannschaft des Stützpunkts der Garde National im Hafen von Zarat in der Nähe von Mareth, unserem heutigen Etappenziel. Gleich nach der Ankunft bildet sich eine Männerrunde aus Peter und den Diensthabenden bei Kaffee bzw. Orangensaft. Gardist: „Ist das tunesischer Orangensaft?“ Peter: „Nein, deutscher.“ Gardist betont entsetzt: „Oh, da ist dann sicher  Alkohol drin?“. Gelächter schallt zum Auto herüber. Man spricht ein wildes Gemisch aus arabisch, französisch, bayrisch. Die Technik im Fahrerhaus wird begutachtet und allerhand gefachsimpelt.

Wir übernachten unmittelbar hinter dem Gebäude der GN – selbstverständlich mit offizieller Erlaubnis und nach Erfassung unserer persönlichen Daten. Es ist wirklich der schönste und ruhigste Platz weit und breit. Man fährt von Land aus einen halben Kilometer über einen Damm, um den Hafen zu erreichen, laut GPS stehen wir im Meer. Bei unserem Eintreffen herrschen 34 Grad und pralle Sonne. Scheinbar ist gerade die gesamte (männliche) Dorfjugend hier zum Baden oder Angeln vertreten. Einige der Jungs sind erstaunlich dunkelhäutig, während uns übrigens unterwegs auch mal ein oder zwei blonde Jungs aufgefallen sind – wohl entfernte Nachfahren von Geiserich, dem Vandalen ;o) 

Als wir schon mitten im Spaghetti-Kochen sind, klopft es plötzlich und eine Schale mit lauter kleinen, frisch gefangenen Fischlis, ganz sorgfältig drapiert, steht vor der Tür. Wir bedanken uns, indem wir die Schale mit Schokolade füllen. Dann zirpen draußen nur noch die Grillen, ganz entfernt am Ufer bellen Hunde und die Nacht ist wunderbar lauschig warm. Aber was ist das bloß mit den tunesischen Nächten?!

Auch diesmal ist es uns nicht vergönnt an Ort und Stelle zu bleiben, geschweige denn durchzuschlafen. Nachdem wir am Abend noch die himmlische Ruhe lobten, brach mitten in der Nacht ein Höllenlärm aus. Es stürmte und der Wind riß am Auto, dass wir fortwährend wie in einem großen Kinderwagen durchgeschaukelt wurden. Wir versuchten verschiedenes: Auto etwas mehr in den Windschatten der Gebäude kuscheln, mehr mit dem Hintern gegen den Wind, dann mehr mit der Nase. In der Früh dann Verabschiedung von den Gardisten. Sie bitten dabei (kein wenig schüchtern)  um ein „Souvenir“, wie sie es ausdrücken. Hm, was schenkt man da so? Irgendwas fällt uns ein und weiter geht's.


Ins Landesinnere, in die Dahar-Berge und Oasen


Das wird neu: Speicherburgen und Höhlenhäuser – die reinste Berberei, wie William Lithgow es nennen würde (Reiselektüre, Roger Willemsen (Hrsg.): Die wundersamen Abenteuer des William Lithgow). Wir verlassen die RN1 kurz hinter Mareth und halten auf Tounine zu. Wir möchten die schönen Bergstraßen genießen und Tamezret anschauen. Wir verzetteln uns ein wenig wegen schlechter Ausschilderung und neuer Straßen, die unsere Karte nicht kennt. Landen aber doch ohne großen Zeitverlust in Matmata. Wir staunen über die Ruhe im Ort, wurde er im Reiseführer doch als touristisch stark frequentiert und mit allerhand aufdringlichen Kindertrupps beschrieben. Nichts von alledem - weder aufdringliche noch sonstige selbsternannte Führer lassen sich blicken. Niemand. Aber etliche Hotels gibt es und wir fragen uns natürlich schon, wer die Bettenkapazität denn hier so ausfüllen soll. Wir bleiben dabei, anstelle von Matmata Tamazret anzuschauen, sind aber am Ende auch dort enttäuscht. Auch dieser Ort ist wie ausgestorben. Wir parken eine halbe Stunde und laufen ein wenig durch die Gassen. Die Aussicht ist grandios, aber sonst …

Also auf zum nächsten Ziel. Wir folgen (in umgekehrter Richtung) einer Pistentourempfehlung von ‚Reise Know-how‘, die als kürzeste Verbindung zwischen dem Matmata-Gebiet und den Dahar-Bergen beschrieben wird. Dabei heißt’s Augen auf und alle Sinne scharfstellen. Wir brauchen für die schätzungsweise 35 – 40 Kilometer gut 2,5 Stunden. Unsere Bergziegentechnik  (also zumindest die mittlere Sperre plus Reduktion) kommt ständig zum Einsatz. Die Straßen sind anfangs schmal und hier und da ein wenig abgerissen. Später steinig mit Oueds, die uns in satte Schräglage befördern, bis hin zu Steilhang und Steilkurve. Entgegen kamen uns auf der Strecke lediglich ein Moped und ein Pick-up. Ganz selten arbeiteten Menschen auf ihren Feldern. Die meiste Zeit schien das Gelände leer und unbewohnt, aber sichtbar kultiviert, was unendlich Mühe machen dürfte.

Nachdem wir uns etwas an die Streckenverhältnisse gewöhnt haben, stellt sich fast so etwas wie Spaß am Holpern ein und wir lassen uns passenderweise mit Westernfilmmusik von Morricone unterhalten. Die letzten Kilometer schnurren wir auf Asphalt ab und landen im Ksar Hallouf (auch Schweineburg genannt), unserem planmäßigen Schlafplatz. Eine dicke Staubschicht bedeckt das Auto, die Gesichter, alles. Gerade wollen wir auf die recht steil ansteigende Straße rauf zum Ksar einbiegen, da springt Hassan auf, hält sich am Spiegel fest und gibt sich als Herr und Gebieter über diesen herrlichen Platz zu erkennen. Für 20 TD würde er uns übernachten lassen, aber mit 10 gibt er sich am Ende auch zufrieden. Uns gefällt, was wir sehen. Wir stehen inmitten einzigartigen Speicherbauten. Hassan taucht kurze Zeit später noch einmal auf und zeigt uns die Moschee des Ksar sowie die alte Olivenmühle. Er bietet uns einen Thymiantee an, erzählt uns, dass normalerweise sehr viele Touristen hierher zum Übernachten kommen und zapft am Ende (als Souvenir?) etwas Weiswein aus unserer Bordküche in eine Colaflasche. Für seine 5 Kinder bekommt er Mandarinen in der Dose mit. Das muß genügen. Später kommen ein Mann und seine Ziegen vorbei, sonst sind wir allein. Wir hauen den „Gardistenfisch“ in die Pfanne und hoffen auf eine ruhige Nacht.

Am nächsten Tag geht’s ohne Karte weiter, denn die Strecke ist auf keiner vermerkt. Markante Punkte unterwegs haben wir uns notiert, die GPS-Koordinaten gespeichert. Es geht zuerst in Richtung Beni Kheddache und weiter nach Guermessa über Ghomrassen. Bei Guermessa sollte dann Piste beginnen und weiß Gott: ein Wegweiser im Nix bestätigt es, es geht auf undefiniertem Untergrund nach Ksar Ghilane. Ein einziges Auto kommt uns auf der Tour entgegen, ansonsten die üblichen Mopeds der Hirten. Die Landschaft wird immer karger und flacher und trockener. Es gibt erste  Sandpassagen und Dromedare begegnen uns. Alle markanten Wegpunkte sind am beschriebenen Platz und auch fahrtechnisch ist die Tour lange nicht so anspruchsvoll, wie die des Vortages. Aber wo vorher Spaßfaktor war, ist jetzt Gemaule, bei mir jedenfalls. Ich mag mich heute nicht permanent festhalten, nicht um die Stabilität des Fahrzeugs bangen,nicht damit rechnen müssen, dass irgendein entscheidendes Fahrzeugteil davonfliegt. Naja, kommt vor.

In Ksar Ghilane angekommen, fahren wir Camp Paradis an und stellen uns für insgesamt 16 TD unter hohen Palmen auf. Das Camp bietet auch reichlich Zeltübernachtungen an, aber lediglich vier Gäste sind da, soweit wir es überblicken: zwei Italiener mit Motorrädern und ein Pärchen, das sich in erster Linie für’s Wüsten-Quadfahren interessiert. Wir schnallen später die Hex ab und tuckern durch die Oase. Dabei kommen wir am Nachbarcamp vorbei und da stehen so um die 10 Geländewagen der Reiseagenturen herum. Die Zelte dort machen einen etwas gediegeneren, wenn nicht gar luxuriösen Eindruck. Das Dorf selbst ist eher weniger sehenswert. Man lebt dort in sehr bescheidenen Verhältnissen. Aber nahezu jede Behausung ist mit Solarzellen ausgestattet (leider die Camps nicht, dort laufen ununterbrochen Generatoren). Am beschaulichsten sind natürlich die Oasengärten und die gute Luft darin. Zum ersten Mal auf dieser Reise sitzen wir zum Abendessen draußen.


Bevor es am nächsten Tag weiter nach Douz geht, darf ich mal kurz ans Steuer, der Verkehr hier ist ja schließlich überschaubar ;o)  Ich fahre nur ein kurzes Stück, aber das ist absolut erhellend! Mit Vollgas über die Verwehungen, jippie, sehr cool! Kein Gemaule mehr! Aber die weitere Strecke überlasse ich gerne wieder dem Profi, weil: die Sahara ist kein Ponyhof, da darf nicht jeder reiten! Und je näher wir Douz dann kommen, desto reger wird der Verkehr: Touribus an Touribus. Im Ort soll es morgen Markt geben, Viehmarkt sogar, deshalb wollen wir bleiben. Aber kein Stellplatz ist für uns geeignet. Entweder es ist zu vermüllt, zu windig-sandig, zu schlammig im Oasengarten oder zu eng … Notgedrungen entschließen wir uns, raus aus der Stadt und in Richtung Zafrane zu fahren. Es zeiht sich, aber dann: am Ende einer Oase reiner Sand, wellig und mit Palmen gespickt, Ruinen eines alten Dorfs liegen verstreusselt herum – es ist einfach zu schön. Hier bleiben wir, wir sind auf dem für heute schönsten Flecken der Welt.  Und wir blieben sogar nachts völlig ungestört. Bis auf einen Mann mit seinen 2 Dromedaren kommt auch am Morgen niemand bei uns vorbei.


Wir wollen heute mit dem Markt in Douz starten. In aller Ruhe machen wir uns fertig. Betten neu bezogen, Saharasand rausgestaubsaugt. Außenspiegel nachgezogen, Fahrerhaus gekippt und gecheckt. Jetzt  sind wir gespannt, wie weit wir in den Ort hinein und vor allem dann auch wieder hinaus kommen. Es herrscht eindeutig mehr Getümmel als am Tag zuvor, aber wir finden rasch einen passenden Parkplatz in Marktnähe und wackeln los. Die üblichen Stände mit allerhand Haushalts- und Eisenwaren, Gemüse, Matratzen, sogar Frischkäse liegt schön ausgebreitet in der Sonne. Es gibt allerhand für’s Auge, für die Nase und gekauft haben wir Spülmittel und ein paar kunstvoll bestickte Lederlatschen, denn das ist laut Reiseführer hier die Spezialität, ein Muss. Hier und da sind ein paar eingeflogene Touris unterwegs mit Flipflops und Spaghettiträgerhemdchen, unter denen immer schön der BH hervorspitzt – schlimm.

Aber der Viehmarkt ist dann das absolute Highlight! In Marokko hatten wir einst ähnliches besucht, eine Spur größer und mit mehr Auswahl. Hier war das Areal ca. 80x50m und ummauert und es geht vorzugsweise um Hühner, Schafe und Ziegen, aber auch ein paar Pferde und Eselchen waren im Angebot. Wenn man sich etwas abseits stellt, das Treiben ein paar Minuten in Ruhe beobachtet, sieht man ganz am Rande aber auch mal Gewehre über den Ladentisch resp. die Motorhaube gehen.

Weiter geht’s. Wir nehmen erst einmal wieder die Straße in Richtung Zafrane und weiter über Kebili nach Tozeur, wo wir die Nacht verbringen wollen. Wir kommen durch sehr nette Städtchen, wieder durch Dünen hindurch und queren den Salzsee Chott el Djerid. Am Anfang wirkt er noch recht unspektakulär, aber als dann die ersten vor lauter Salzgehalt pink bis lila gefärbten Wasserflächen auftauchen, die Salzkristalle in der Sonne glitzern, wird es so richtig interessant. Die Straße ist tiptop. Keine Touristen weit und breit, doch am Rand der Straße reichlich Platz für Fotostops und reihenweise Cafés und Sandrosenverkaufsstände. Wir brauchen Wasser und steuern in Tozeur deshalb ein Camp an namens Res al Ain. Für 18 TD stehen wir zwischen duftenden Bäumen und blühenden Oleanderbüschen. Dusche und Toilette sind direkt in der Nähe, aber ehrlich gesagt nicht so dolle verlockend. Es ist warm, noch am Abend über 30 Grad und wir sind alleine. Während wir in Douz auf einem Campingplatz ein halbes Dutzend Hymer-Womos dicht an dicht in der Sonne brutzeln sahen, ist hier, nur wenige Kilometer weiter, schon wieder keiner mehr unterwegs.

Wir lassen die Hex frei und cruisen ins Zentrum und durch allerhand enge Gassen. Das Mauerwerk ist -  typisch für Tozeur - so wunderschön verziert, daß das Auge nicht fertig wird mit Schauen. Wir kommen in die Medina und landen in einem kleinen Hof mit einem riesigen Geschäft für Keramik, Teppiche, Antiquitäten etc. Die Männer im Hof sind be- bis entgeistert, als wir mit der Hex vorfahren. Aus Deutschland mit dem Moped?! Das Kennzeichen beweist es, aber ein schlauer Blick auf den Kilometerstand entzaubert uns :o)) Der Besitzer des Ladens zeigt uns seine Schätze, wobei sein größter Schatz der Blick von der Dachterrasse sein dürfte. Er spricht etwas deutsch, hat am Bodensee als Vertreter für Teppiche gearbeitet. Wir kaufen nichts und er drängt uns nicht, dazu ist er dann doch zu höflich.

Die Honda ist echt der totale Sympathieträger. Alle wollen immer alles wissen, Preis. Leistung, alles. Egal, durch welche Straße wir fuhren, die Männer vor den Cafés waren stets ein wenig in Aufruhr bei unserem Anblick. Es wäre definitiv langweiliger gewesen, wären wir auf einem fliegenden Teppich dahergekommen!

Der Campingplatz erweist sich diesmal als wirklich Gold wert. Da es auch bis in die Naht hinein noch heiß bleibt, sind wir dankbar dafür, die Fenster offen lassen zu können, was wir uns in „freier Wildbahn“ eher nicht gestatten.

Oasengeschäft: Datteln, Teppich, Palmenkinder


Dann ziehen wir weiter in Richtung Bergoasen. Zuerst machen wir in Chebika Station. Die Sonne steht schon ziemlich hoch am Himmel, als wir den Spaziergang hinein in die kleine Schlucht zu einem winzigen Wasserfall machen. Wir sind wieder vollkommen allein unterwegs, mal abgesehen von den jungen Verkäufern von Sandrosen, die eigentlich noch in die Schule gehörten. Kurz vor Tamerza hält uns dann ein älterer Mann an. Sein Moped scheint den Geist aufgegeben zu haben, er mag gern mitfahren und schwupps, hängt er schon außen an der Fahrertür, hält sich bequem am Spiegel fest. Nun gut, dann machen wir es also so wie er möchte, fahren nach Tamerza bis vor seine Haustür. Er schaut von außen, dass wir unter all den tiefhängenden Stromkabeln in den Gassen auch durchpassen, wird dabei von allerhand Palmwedeln gebürstet, ist aber offenbar einfach nur zufrieden, nicht laufen zu müssen. Er fragt, ob wir Datteln mögen und wir bejahen natürlich. Er strahlt, wir werden Datteln bekommen, so viele wir mögen, zum Dank, verkündet er. Und so nimmt das weitere Geschehen seinen Lauf...


 

Denn bei einer schlichten Dattelübergabe bleibt es freilich nicht. Unversehens finden wir uns auf dem Sofa eines Berberhaushalt wieder, trinken Tee und tauschen uns über die jeweilige Kinderzahl aus. Dann kommen die Datteln, aber auch getrocknete Aprikosen. Und auch als Geschenk für die Kinder besondere Steine, die innen wie Glas oder versteinertes Wasser ausschauen. Dazu noch ein riesiger Brocken versteinerten Holzes. Ach Du liebe Zeit! Schnell zum Auto gehuscht und ein paar T-Shirts, einen Teddy, Kinderschmuck und ein Glas Marmelade geholt und unsererseits feierlich überreicht. Ob wir Kinderschuhe auch hätten? Jetzt sind wir untröstlich, nein, das gibt unser Vorrat leider nicht her. Dann stellt sich heraus, dass die Frauen der Familie im Haus Teppiche aus Kamelhaar weben und man präsentiert uns schnurstracks einen. Am Ende (und nicht ohne das übliche Verhandlungsritual natürlich) nehmen wir ihn tatsächlich mit, obwohl wir auf dieser Reise nun ausnahmsweise echt mal keinen Teppich erwerben wollten und auch zuhause nun wirklich keinen freien Flecken mehr haben. Aber was soll ich Euch sagen: ich sehe ihn heute jeden Tag daheim und ich liebe ihn und seine Geschichte!

Der Mann bietet uns noch an, uns die alte Rommelpiste, d.h. die von Rommels Pionieren einst gebaute Straße, zu zeigen. Das würde ca. 2 Stunden dauern. Aber viel lieber würden wir seine Oase anschauen und so führt er uns ein wenig hindurch. Erklärt uns viel und zeigt uns drei Quellen, die „einfach so“ aus dem Sand heraus sprudeln. Zum Schluß gräbt er uns mehrere kleine Palmensprößlinge aus, immer zwei und zwei, männlich und weiblich. Wir hatten erzählt, daß wir einen Garten am Haus haben, und dort sollen wir sie einpflanzen und irgendwann ernten, meint er. Hm, sollen wir ihm das mit dem Frost im Winter erklären? Ach was, wir haben schließlich alternativ Pflanztröge. Da machen wir bayrische Datteln draus, wir schaffen das!  ;o)


Begegnen sich zwei deutsche Laster in einer Oase …


Inzwischen sind wir längst über die Mittagessenszeit hinaus. Die April-Hitze ist unglaublich. Wir kommen nach Midès und wagen uns raus in die pralle Sonne. Ein junger Mann bietet sich als Führer durch die Ruinen des alten Dorfes an und wir schlagen ein. Viel ist es nicht, was er uns zeigen kann, aber es ist angenehm, mit ihm zu plaudern und er zeigt uns, wo genau die Kulissen für die Dreharbeiten für „Der englische Patient“ einst standen, bevor sie vom Regen davongespült wurden. Und er zeigt uns auch die algerische Grenze, die nur ein paar hundert Meter weiter verläuft. Es ist schon nach 16 Uhr und wir überlegen, ob wir hier nicht einfach bleiben sollten? Kein Problem sagt er, wo immer wir stehen möchten, gerne.

Na dann machen wir das so und müssen nicht lange suchen. Kleiner Abbieger, schöner Ort, links Canon, rechts Palmenhain und in der Mitte: ein schönes lila Expeditionsmobil aus Deutschland. Ha! Wenn das nicht … richtig. Die beiden aus Heilbronn waren die einzigen, von denen wir aus dem Allradforum wußten, dass sie aktuell ebenfalls Tunesien "wagen" , jedoch dem Uhrzeigersinn entgegen das Land bereisen wollen. Zwei Tage zuvor hatten Peter und ich noch darüber gesprochen und waren uns einig, dass die Wahrscheinlichkeit für eine zufällige Begegnung unterwegsgegen Null gehen dürfte, wir hatten schließlich keine Ahnung, wer wo wann sein würde. Da sieht man’s wieder, nichts ist unmöglich. Also stehen nun zwei deutsche Dickschiffe an der algerischen Grenze an einem Platz, an dem sich zu später Stunde nur noch Fuchs und Igel „Gute Nacht“ sagen.

Und die Garde National war natürlich auch kurz hier: ein netter Mann im Trainingsanzug auf einem Quad, um unsere Personalien aufzunehmen, der Grenznähe wegen. Es ist schön hier, wir freuen uns einmal mehr, hier zu sein. Die Männer an den Souvenierständen nebenan sind so was von gastlich, bringen Tee und gleich noch einen Tisch dazu an den Laster, schenken uns frische Aprikosen aus dem Garten … Wir stören hier augenscheinlich keinen Menschen!

Und dann konnten wir auch noch privatgemachtes Couscous für 4 Leute direkt vor Ort bestellen, das uns prompt bis an die Laster geliefert wurde! Wir saßen noch lange bei Wein und Geschnatter beisammen. Am Morgen trennten sich dann wieder unsere Wege – wir nach Norden, die Heilbronner gen Süden. Der Souvenirhändler, Caféhausbesitzer und Couscouslieferant (Personalunion) bat darum, zwecks diverser Einkäufe bis Redeyef mitgenommen zu werden. Gerne, keine Problem.

Die weitere Route führt uns zwischen Moulares und Mejen Bel Abès „über die Dörfer“ vorbei an allerhand Kasernen und Straßensperren, zeitweise sogar mit Stachelketten / Reifenkillern auf der Fahrbahn. Algerien ist nahe, die „Straße“ mühselig zu befahren. Belohnt werden wir am Ende aber mit schöner Berglandschaft. Fuhren wir am Morgen noch durch eine nahezu kahle Gegend, ist es hier nun grün und üppig. Landmaschinen kommen ins Bild. Man erntet hier vorzugsweise Halfagras und transportiert es auf Pick-ups ab, was immer abenteuerlich ausschaut, denn die Grasquaderstapel überragen das Fahrerhaus um mindestens mal 2 Meter.  Gegen Abend kommen wir ziemlich erledigt in Hammam Mellegue bei El Kef an.

Aber jetzt, ein heißes Bad, dafür sind wir schließlich hierher gefahren! Eigentlich ist hier in jedem Hammam von strikter Geschlechtertrennung auszugehen. Aber man macht uns überraschenderweise das Angebot, am Abend das Bad quasi ganz privat und gemeinsam zu nutzen. Da sagen wir nicht nein. Das Gebäude ist sensationell. Alt, uralt, man hat eine deutliche Vorstellung davon, dass genau auf diesen Stufen unter diesem Gewölbe auch die alten Römer schon plantschten, so muß es wohl gewesen sein. Das Becken ist ca. 40 cm tief und mit erstaunlich gut temperiertem Badewasser gefüllt. Es riecht etwas streng (schwefelig?) und das Wasser schmeckt ein wenig salzig. Also dann, lang ausstrecken, genüsslich untertauchen und sitzen bleiben, bis die Finger schrumpelig werden. So gegen 21.30 Uhr müssen wir dann doch wieder raus, bezahlen bei einer älteren Dame während ihr Mann direkt neben uns auf einem kleinen Teppich sein Gebet verrichtet. 


Alte Steine


Unsere nächste Station soll Dougga sein. Als Erstes aber rein nach El Kef, denn wir brauchen „frisches“ Geld und außerdem soll die dortige Kasbah ganz sehenswert sein. Gleich nach den ersten paar Metern geraten wir jedoch in eine lautstarke Menschenansammlung. Ist das jetzt ein harmloser Demonstrationszug oder …? Wer weiß das als Tourist schon so genau?! Derzeit gibt es eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für die Region bei Cap Serrat. Es gab wohl Übergriffe auf einen Tourikonvoi incl. Demolierung der Fahrzeuge, genaueres wurde nicht bekannt. Wo beginnt Gefahr, wo hört sie auf? Wir sind aufmerksamer als aufmerksam, als wir uns weiter durch die Stadt bewegen. Aber jeder, dem wir auf dem Weg hoch zur Burg begegnen, grüßt freundlich, auch die Kinder. Das ganze Land ist die Freundlichkeit in Person. Unterwegs winkt man uns vom Straßenrand aus alle paar Meter zu (Verkehrspolizei eingeschlossen). Entgegenkommende LKW-Fahrer grüßen … In welchem Land wird einem schon allein beim Durchfahren so viel Willkommen und Gastlichkeit bewiesen?! Also: nur die Ruhe!

Die antiken Ruinenstätten von Dougga gehören zum UNESCO Welterbe und wir sind sehr angetan von deren Anblick. Wir schlendern ein Stündchen hindurch und bedauern, dass man es bislang noch nicht geschafft hat, die einzelnen Gebäude(reste) so zu beschriften, dass sich der Laie ebenfalls gut zurechtfindet. Allein anhand des Plans in unserem Büchlein tun wir uns schwer mit der Orientierung, wo wir doch unbedingt die Latrinen sehen wollten - angeblich Gemeinschaftslatrinen, 12 Stück nebeneinander! Ein paar Touristen, auch tunesische wie es scheint, sind außer uns unterwegs.

Es ist ordentlich heiß. Einmal sitzen wir im Schatten und betrachten andächtig das Kapitol von innen, da kommt ein einheimischer Steppke angesaust, drückt Peter mal eben ohne Worte seine Wasserflasche in die Hand so nach dem Motto: „halt ma kurz“, und zieht wieder ab. Es bleibt kaum genug Zeit, um verdutzt zu schauen, da steht seine kleine Schwester plötzlich da, murmelt was, das für unsere Ohren wie „ich hab einen Durscht!“ klingt, schnappt sich die Flasche und ist weg. Putzig.

Hinter Dougga biegen wir dann in Richtung Bou Salem ab, denn zum Übernachten wollen wir nach Chemtou in die alten Steinbrüche fahren. Die Strecke ist herrlich. Sanfte Hügel, es blüht überall, Mohnfelder, gute Straße  … Wir genießen die Fahrt und kommen kurz vor 17 Uhr in Chemtou an. Beim ehemaligen Café etwas oberhalb des örtlichen Museums parken wir nun und sitzen in der Abendsonne, schauen auf ein paar Ruinen, den römischen Schutthügel und genehmigen uns einen Gin Tonic. So ist’s schön und gerade richtig, so mit Blick auf unsere letzten Reisetage in Tunesien. Der Museumswärter kam gerade zu uns heraufspaziert, um uns für morgen zu einem Besuch einzuladen. Er hat uns sogar einen Prospekt in Deutsch dagelassen (das Museum wurde mit deutscher Beteiligung ausstaffiert). Wer noch nicht da war, ist die Garde Nationale. Die algerische Grenze ist ja auch hier recht nah, aber vielleicht ist heute wieder eine dieser seltenen Nächte, in der sich niemand für uns interesiert?

Irrtum. Wir sind gerade mit Essen und Abwasch fertig (quasi perfektes Timing), da klopft es. Aha. Wir mögen doch bitte für die Nacht runter zum Museum fahren, das ist viel sicherer für uns. Oh Mann! Na gut, wir rumpeln nach unten. Jetzt stehen wir zwar schön beleuchtet und in der Nähe des Museumsnachtwächters, aber irgendwie gefühlt mitten auf der Autobahn. Nachts herrscht hier ein Durchgangsverkehr, dass wir kaum zur Ruhe kommen. Vielleicht war oder ist wieder irgendwo Markt und die Leute müssen deshalb mitten in der Nacht zu Hauf diesen Feldweg hier nehmen?! Oder "kleiner Grenzverkehr"? Merkwürdig jedenfalls, aber nicht zu ändern.

Wir starten diesen Tag mit einem Besuch des ganz wunderbar hergerichteten Museums. Die deutsche Mitarbeit hat sichtlich Spuren hinterlassen, es gibt sogar Notausgangsschilder über den Türen. Und es ist wirklich informativ. Wir lassen uns den Videofilm über die Geschichte von Chemtou „einlegen“ (Flachbildschirm, PC-getrieben!) und lassen uns richtig viel Zeit. Danach schauen wir noch kurz die Reste einer Brücke in der Nähe an, kommen später an einer aktiven Ausgrabungsstätte vorbei, wo bestimmt 20 Leute fleißig werkeln, und schlagen den Weg nach Bulla Regia ein. Es gibt dort wieder alte Steine, aber das Besondere sind natürlich die von den Römern unterirdisch gebauten Villen. Eine Führerin bietet sich an und wir lassen uns darauf ein. Sie spricht gutes Englisch, hat in Tunis Geschichte studiert, ist so Mitte 20 und seit Kurzem Mama. Ihr Mann hütet derweil das 5 Monate alte Baby und ruft sie im Minutentakt an, um sich neue Instruktionen in Sachen Babypflege zu holen. Ihre Schilderungen sind interessant und über eine gute Stunde hinweg zeigt sie uns die Venusvilla, die Jägervilla, das Theater … sehr beeindruckend! Vor allem die Lüftungstechnik, ich wünschte, wir hätten sowas daheim  ;o))


Der Norden

Dann starten wir durch, um nach Tabarka an der Nordküste zu kommen, wo wir im Hafen übernachten möchten. Die Landschaft wird immer fruchtbarer, saftiges Grün und Blüten sind vorherrschend, aber Tabarka ist enttäuschend. Es wurde als Djerba-Alternative, d.h. DAS künftige Touristenzentrum schlechthin in unserem Reiseführer und also als lohnendes Ziel beschrieben. Aber das Zentrum dominiert ein verfallenes Luxushotel, Schmutz, morbide Stadtansicht und wir werden in einer Straße mit Souvenirläden auf ganz plumpe Art von Verkäufern angesprochen, dass es uns wirklich überhaupt keine Freude macht, uns dort zu Fuß durchzubewegen. Das Café Andalus schauen wir uns jedoch an, das lohnt sich dann doch, und gehen zum Hafen zurück, in dem wir tatsächlich gern willkommen sind für diese Nacht (der Hafenschef spricht sogar etwas deutsch, fährt nen netten VW Amarok).

Wir wollen mal wieder auswärts essen und suchen das Restaurant Le Pirate. Es ist nicht auffindbar und wir entscheiden uns der Einfachheit halber für ein anderes Fischlokal im Hafen – wir sind die einzigen Gäste. Nicht nur in diesem, sondern auch in den beiden benachbarten Restaurants. Das Essen ist so lala, aber immerhin haben wir bei dieser Gelegenheit gelernt, dass Bric etwas sehr leckeres ist. Sieht aus wie Omelett, ist aber eine in Fett gebackene große Teigtasche gefüllt mit Scampis o.ä. und Ei. Richtig fein!

Noch am späten Abend liegen die Fischerboote im Hafen fest und wir vermuten, dass nicht einmal mehr der Fischfang hier ein Thema ist. Auf allerhand Booten sehen wir Dekompressionskammern und Taucherausrüstung. Im Sommer mag das eventuell Gäste anziehen, aber im Moment ist hier nichts, aber auch gar nichts los. Auch der Strand sieht wundervoll aus, wird aber nicht benutzt. Eine sterbende Stadt? Man sieht hier etwas mehr bärtige junge Männer mit weißen Käppchen als anderswo. Füllt die Religion „die Lücke“?


Unsere letzten Nächte im Land wollen wir so nah als möglich bei Tunis verbringen, am liebsten in Sidi Bou Said, wenn es denn dort schön ist. Auch hier wurde ein Stellplatz im Hafen empfohlen. Na, schauen wir mal. Wir meiden die Cap Serrat-Region wie empfohlen, fahren über Béja. Zum allerersten Mal werden wir an einem Checkpoint gestoppt, der Zoll winkt uns zur Seite. Man kontrolliert aber nur unsere Pässe (vor uns steht bereits ein deutscher PKW). Wir nehmen die Autobahn nach Tunis. Daß sie kostenpflichtig ist, wird uns natürlich rechtzeitig angekündigt, stört uns aber wenig, wir wollen heute einfach Strecke machen. Am Ende verlangt man uns für die gesamte Strecke lediglich 2,5 TD ab. Das ist nahezu nix für eine buckelfreie und verkehrsarme Straße. „Sidi Bou“ sieht dann wunderschön aus! Die Häuser in weiß mit hellblauen, hübsch verschnörkelten Fenstergittern. Bunt blühendes Buschwerk rankt über die Mauern.

Wir sind froh über unsere Entscheidung, an diesem Ort zum Schluß noch einmal durchzuschnaufen, ein Ort zum Wohlfühlen. Wir nehmen die Hex her und lassen sie ein bißchen durch den Ort schnullern. Am ersten Tag sind gegen 17 Uhr fast schon alle Bürgersteige hochgeklappt. Am ehemaligen Haus eines gewissen Grafen d’Erlanger halten wir kurz, da wir eine grandiose Aussicht wittern und der Wächter lädt uns ein, ein wenig über die Terrassen und durch den Garten zu spazieren. Herrlich, die Pflanzen, die ganze Anlage, die Aussicht!  Zum Abendessen versuchen wir es wieder einmal mit einem Restaurant namens Le Pirate, das diesmal aber gut sichtbar direkt am Hafen liegt und: sind wieder die einzigen Gäste. Aber diesmal ist das Essen ausgesprochen gut und vor allem der Service lässt nichts zu wünschen übrig.


Wir tuckern zum Hafen runter, staunen über den ganz ungewohnten einheimischen  Badebetrieb. Natürlich sind überwiegend die Jungs im Wasser, aber auch ein paar Mädchen, nahezu voll bekleidet mit Shorts und T-Shirt , aber immerhin im Wasser! Wir stellen uns – wieder einmal – zur Garde National, die uns – natürlich – sehr willkommen heißt. Wir schauen aufs Meer, ein paar Häuschen an der Küste und beobachten verliebte Pärchen beim Flanieren Hand in Hand. Im Schatten unseres Dicken baut ein Fotograf seinen Computer auf, spricht Pärchen an, fotografiert und druckt ihnen im nu die Bilder aus. Gut gehendes Geschäft, wie es scheint und hier ist ganz offensichtlich mehr Geld zuhause. Die Menschen sind hübsch zurechtgemacht und nebenan parken die „Schiffchen“ der Herrschaften von Marineclub, die allabendlich mit Mercedes, Amarok & Co. einreiten. Auch ein paar Touris schlappen vorbei - wir hatten bereits auf der Herfahrt ein Kreuzfahrtschiff im Hafen liegen sehen und die dazugehörigen Busse erspäht - Karthago ist schließlich nicht weit. Einmal kommt ein französischer Papa mit seinem Filou auf den Schultern um die Ecke, sie chauen ganz interessiert und als der Kleine den Elefanten an der Fahrertür entdeckt, macht er große Augen und ruft: „Papa, ils transportent des éléphants!“ (oder so ähnlich). Kinder glauben sowas, es ist wunderbar, und man möchte die Welt auch mal wieder so sehen können, oder nicht?  :o)

Der Kreis schließt sich


Dann ist Tunis dran. Wir nehmen ein Taxi vom Hafen zum Bahnhof in Sidi Bou Said und reisen mit der Vorortbahn in die Hauptstadt. Eine nette Erfahrung, mit einheimischen Pendlern unterwegs zu sein. Der Zug pfeift immer wieder recht lustig, aber in erster Linie nur deshalb, weil an den Halbschranken an zahlreichen Bahnübergängen die Auto-, Bus- und Lasterfahrer nur dann zum Stillstand kommen, wenn sich der Zug als unmittelbar im Anrollen zu erkennen gibt. Ansonsten hat hier niemand auch nur den Ansatz von Geduld für eine geschlossene Schranke!

Vom Bahnhof in Tunis aus geht es schnurgeradeaus auf der Hauptstraße zur Medina. Wir holen uns in der Touristeninfo einen ausführlichen Medina-Plan. Man freut sich über unsere Stippvisite und lächelt breit, als wir uns als Deutsche zu erkennen geben. Ab und zu werden wir auf unserem Weg zu den Souks angesprochen, jeder möchte uns unverbindlich den Weg (in den nächsten Teppichladen) beschreiben. Einer meint sogar, er würde uns schon kennen aus Sidi Bou Said. Ach sicher, jaja. Wir schütteln uns kurz, kommen immer wieder frei und essen zu Mittag in einem Medinalokal mitten im Gewühle herrlich große und leckere Portionen Hühnchen bzw. Fisch. Zu kaufen gibt es nichts schönes oder interessantes. Die Preise kommen uns, wenn wir denn schon einmal nach etwas fragen, abstrus hoch vor. Und irgendwann reicht es dann auch, wir stromern zurück in Richtung Bahnhof. Dabei kommen wir an einem öffentlichen Gebäude vorbei und müssen die Straßenseite wechseln. Es ist dermaßen schwer bewacht: Polizei, etliche Panzer, Schwerbewaffnete, Stacheldraht rundherum.

Wir nehmen diesmal das Taxi bis nach Sidi Bou Said – bequem, schnell und für nur 8 TD. Den Rest des Tages verbringen wir auf der Hex. Unterwegs kaufen wir direkt aus einem Kleinlaster heraus frisches Baguette und so fahren wir herum, mit einem deutschen Kennzeichen am Moped und  französischem Brot unterm Arm.


Unser letzter Tag in Tunesien. Die Fähre, auf die wir gebucht sind, soll gegen 22 Uhr auslaufen und wir vermuten schon, dass das nur eine „in etwa“- Zeitangabe sein wird. Schließlich paart sich hier bei Schiffahrtsgesellschaft und Route das Arabische mit dem Italienischen!

Wir nutzen den Vormittag für Hausputz, Lesen und einen kleinen Hex-Ausflug nach Karthago. Auch dieser Vorort von Tunis ist ganz wunderschön und sicherlich auch wohlhabend - dort wo wir durchkommen zumindest. Gegen 17 Uhr packen wir zusammen. Wir tanken noch einmal randvoll, geben das letzte Geld für Olivenöl und Harissa aus und schlagen uns zum Hafen durch. Dort angekommen gibt es weder Schilder noch irgendwelche Hinweise, wo was wie zu tun ist. Wir stellen uns mal prophylaktisch mitten in eine „Schlange“ (sprich einen Haufen von Fahrzeugen) und werden umgehend von Souvenir- und Zigarettenverkäufern umlagert. Einer der Herren stellt sich aber insofern als hilfreich heraus, als daß er mich zum Ticketschalter begleitet (der ansonsten wahrscheinlich im Leben nicht zu finden gewesen wäre) und bestätigt, dass die „Schlange“ tatsächlich die richtige ist. Und dann stehen wir da, geschlagene 4 Stunden. Die Fähre kommt zu spät an, hat viel zu viel auszuladen, somit der Zoll viel zu kontrollieren und das Tor bleibt für die neuen Fahrgäste bis auf weiteres geschlossen. Man erfährt nichts, kann nur hoffen, dass alles irgendwie seinen Gang gehen und die Fähre nicht ohne einen abfahren wird. Wir beobachten wieder von oben aus dem Fahrerhaus, wie sich die Autofahrer einzirkeln in die eigentlich ja nicht und dann doch irgendwie vorhandenen Lücken. Einer rennt herum und markiert den Chef, mit rotem Basecap und Trillerpfeife. Schon sind wir wieder ganz Deutsche und dabei, uns so richtig gscheit aufzuregen über die sinnlos verrinnenden Zeit und all das Gewese der Leute rundum. Ein paar Italienische Offroader warten neben uns, die schicken zwischenzeitlich ein Taxi erfolgreich zum Bierholen nach La Goulette. Auch ein paar Österreichische Motorradfahrer treffen wir. Ach ja, und einer der Einheimischen freut sich und meint, er hätte uns schon in Sidi Bou Said auf dem Moped gesehen – also wir sind dann wohl echt aufgefallen wie bunte Hunde!  :o))


Gegen 22 Uhr kommt Bewegung in die Sache und es beginnt in etwa das gleiche Spiel wie bei der Ankunft: alle wollen gleichzeitig durch das Tor sprich Nadelöhr. Aus vier Spuren werden urplötzlich 6 oder 7, die sich dann ganz vorne zwangsläufig wieder auf eine verengen müssen. Wir stellen fest: unser Aufenthalt im Land hat uns ausreichend abgehärtet, wir lassen keine Luft ran, rücken kontinuierlich vor und sind zackig durch. Man erspart uns diesmal das zu niedrige Leuchtstoffröhrendach und wir stehen schön weit vorne am Zoll. An einem der Häuschen bildet sich eine Schlange. Hm, keine Ahnung, irgendeinen Sinn wird’s haben, also stelle ich mich vorsichtshalber auch mal dort auf. Peter fängt inzwischen geschickt einen Zoll-Oberst ab und „nötigt“ ihn zur Kontrolle unserer Fahrzeuge. Das macht er gründlich, schaut in jede Kiste und Luke, latscht aber dabei auch mit seinen Knobelbechern durch unser "Wohnzimmer", kniet sich wiederum bei der Fahrerhausinspektion sorgfältig auf einen unserer Pässe, damit seine Hose nicht schmutzig wird.

OK, fertig, ich bin inzwischen schon weiter vorgerückt in meiner Schlange. Dort gibt es Stempel und ein grünes Papier (?) wird uns abgenommen, das wir auf der Einreise in die Hand gedrückt bekamen. Geschafft! Wir rumpeln mal eben über einen erhöhten Mittelstreifen davon, da vor uns noch ein paar Fahrzeuge festhängen, und halten auf die Fähre zu. Davor nochmals Kontrolle der Pässe und Tickets (Frage: was wäre jetzt gewesen, hätten wir draußen vorm Tor kein Ticket geholt, aus lauter Unwissenheit, denn es sagt ja schließlich keiner was?!). Dann schaut wieder ein Polizist in jede Luke, jede Kiste, latscht mit dreckigen Schuhen durchs Häuschen. OK, es geht weiter, aber nur ein paar Meter. Dann schaut wieder ein Polizist in jede Luke, jede Kiste unswusf. …. Na sag mal, will jetzt hier jeder Einzelne mal?! Am Ende haben wir vier fette Schuhabdrücke hinten.


Auf der Fähre stellt man uns in die hinterletzte Ecke, das ist nicht zu ändern, wir werdendann  wohl auch bei der Entladung in Italien wieder Nerven lassen. Wir packen unsere Futtersachen zusammen – Salami, Schinken, Joghurt, Baguette, Schoki und Wein in der Wasserflasche – und beziehen unsere Kabine. Und dann sitzen wir im Bett lesen in Büchern, unserem Reisebericht und denken schon jetzt ganz oft: oh wie schön war doch Tunesien!


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