HIMALAYA

Im Sommer 2005 machen sich 14 Enfield Bullets mit wagemutigen Europäern, einem ortskundigen Führer, zwei einheimischen Mechanikern plus 1 Jeep für Gepäck und Ersatzteile auf den Weg von Delhi nach Leh, weit oben in den Bergen des Himalaya. Legendäre Pässe liegen auf der Strecke, darunter einige der höchsten der weltweit befahrbaren: Rohtang (3980 m), Baralachala (4892 m), Lachalang (5056 m), Tanglang (5360m), Khardung (5602). Die Strecke führt über windige Hochplateaus, an Gletschern vorbei, durch bizarre Landschaft und über abenteuerliche Straßen, die nur im Sommer geöffnet und einigermaßen befahrbar sind. Die Straßenverhältnisse, Hitze, Kälte, Feuchtigkeit und ganz besonders der Aufenthalt auf über 5000m setzen dem Körper zu und fordern bei so manchem Tribut. Aber der Lohn der Mühe sind das grandiose Bergpanorama, der Kontakt zu den Menschen in diesem abgeschiedenen Teil der Welt, der Einblick in buddhistische Lebensphilosophie und Weisheit und das Gefühl am Ende der Reise: es geschafft zu haben!


Hier unser kurzer Bericht von Strapazen und unvergesslichen Eindrücken.

Das buddhistisch geprägte Ladakh gehört zwar zu Indien, doch die Kämme des Himalaya riegeln es nahezu ab vom ganzen indischen Subkontinent und dem islamischen Kaschmir. Es ist Tibet traditionell sehr viel näher und generell auf dem Landweg nur auf zwei Wegen zu erreichen: von Kaschmir kommend über den Zoji-Paß und Kargil oder über den Manali-Leh-Highway mit seinen 5000er-Pässen. Wir befahren den einen als Hin- und den anderen als Rückweg, um dieses letzte Paradies der Welt, wie es so oft heißt, zu besuchen. Während wir die Strecke zwischen Delhi und Kalka mit dem Zug zurücklegen, bewältigen wir den Rest zu zweit auf einer Enfield. Ganz sanft geht es los über Shimla, ehemals britische Hill Station, Mandi und Manali. Noch ist alles typisch indisch, doch wir begegnen bereits hier ersten tibetischen Flüchtlingen. Das Klima ist noch angenehm, alles ist üppig grün und Affen toben durch die Bäume. Die Landschaft unterwegs erinnert ein wenig an die Alpen.


Dann erreichen wir den Rothang-Paß und überschreiten damit auch die Kulturgrenze zwischen Indien und Tibet. In Büchern heißt es, daß der Name Rothang aus dem Tibetischen kommt und in etwa "Leichenhaufen" bedeutet - das unberechenbare Wetter forderte hier schon unzählige Opfer. Wir fahren durch tiefhängende Wolken und die Feuchtigkeit rollt an Kleidung und Visier in großen Perlen ab. Es sind hart erkämpfte Höhenmeter bei eisiger Kälte und es liegt manchmal Schnee rechts und links des Weges. Dann steigt der Grad der Anstrengung sukzessive, die Streckenverhältnisse werden immer mühsamer. Je weiter es aufwärts geht, desto einsamer, karger und schroffer wird auch das Landschaftsbild. Das Dach der Welt - ab jetzt gilt's!


Aber ab jetzt genießen wir auch immer wieder die faszinierende Weite, die den Blick bannt, die strahlenden Farben von Himmel und Erde und die Einsamkeit der Bergwüste.


Schotterpiste ist angesagt. LKW-Kolonnen (meist Tankwagen, die über die Sommermonate Leh mit Diesel versorgen) schrauben sich im Schneckentempo nach oben. Jeder Laster trägt am Hinterteil die Aufschrift "Blow horn!" und wenn wir nicht in der Abgaswolke ersticken wollen, müssen wir auch jede Möglichkeit zum Überholen nutzen - Hupe und Gas sind bei uns schon eine Einheit. Doch manchmal ist die Strecke haarsträubend eng und die Sicht teils unter 20m. Kaum einer der entgegenkommenden Laster fährt mit Licht, nicht wenige gänzlich ohne Scheinwerfer. Zentimeterdicker Schlamm wechselt sich ab mit Geröll und knietiefen Wasserläufen, die wir zu durchqueren haben. Ist es beim Rodeo vielleicht ähnlich? Füße fest auf die Fußrasten (Steigbügel) stemmen, Waden an die Maschine (Pferd) pressen, Hintern weg vom Sattel, Last auf Knie und Oberschenkel zwecks Federung … die Wirbelsäule knirscht dennoch.

Das ganze Denken ist nur noch auf das Erreichen der jeweiligen Tagesetappe ausgerichtet, mehr ist nicht drin. Einmal übernachten wir in einem malerischen Zeltlager auf 4250m. So dankbar sind wir für den herzlichen Empfang dort! Man kocht uns Tee und Pudding, gibt uns eine Wärmflasche mit ins Bett, denn draußen sind es nur noch 5 Grad (das Zahnputzwasser fühlt sich noch kälter an). Aber genießen können wir es kaum, die Höhe setzt uns zu. Selbst das Umdrehen im Bett wird zur Anstrengung, nach der man erst einmal tief durchatmen muß. Der Kopf scheint platzen zu wollen.

Und die Überquerung der Zanskar-Kette liegt noch vor uns. 21 Serpentinen führen hinauf zum Lachalang-La, die Aussicht von dort nimmt einem den Atem.

Dann sehen wir es, das "Eingangsschild" nach Ladakh: "Welcome to the paradise of India!" Die Landschaft scheint wie von einem anderen Planeten. Auf einmal fühlt sich alles wunderbar an (macht magere Höhenluft euphorisch?). Wir machen Station in den ersten Ladakhi Dörfern. Unsere kleine Kolonne erzeugt überall Aufsehen. Man winkt und lacht uns zu, wenn wir anrollen. Die Kinder springen allenthalben auf die Straße (einmal in der Eile direkt aus einem Badeteich heraus, entsprechend nackig) den Motorrädern in den Weg, strecken den Arm aus zum "Abklatschen".   "Julee!" heißt es überall zur Begrüßung, zum Dank, zum Abschied.



In Leh angekommen, nehmen wir uns ausreichend Zeit zur Besichtigung der berühmten Klöster reihum - allen voran das Gompa Tikse. Man heißt uns überall willkommen, auch für Frauen ist ein Besuch durchaus gestattet. Die Mönche sind höflich und sogar sehr interessiert an Gesprächen mit uns, lassen es gerne geschehen, daß man sich zu ihnen setzt, ihrer Meditation beiwohnt, zusieht und zuhört. Wir dürfen einen Blick in uralte Bibliotheken werfen. Die Luft ist überall geschwängert vom Rauch der zahllosen Butterlämpchen und angefüllt vom Gemurmel der Meditierenden. Einmal kommen wir  gerade dazu, als Mini-Mönche von ca. 10 oder 12 Jahren ihre Hausaufgaben auf dem Innenhof einer Klosteranlage erledigen. Sie sitzen im Karree auf dem Boden und schreien ihren Lernstoff einfach gerade heraus. Ein unglaubliches Gewirr von Kinderstimmen! Sie wirken voller Inbrunst und Konzentration … wenn sie nicht gerade neugierig zu den Motorrädern hinüberschielen.


Wir dürfen dank Sondergenehmigung einen Abstecher ins Nubra-Tal machen und überqueren dabei zwei Mal den Khardung-La - er ist sozusagen der Gipfel unter den Pässen mit seinen 5603m. Da wir der pakistanischen Grenze recht nahe kommen, verdichtet sich die Militärpräsenz. Wir kommen durch diverse Checkpoints, alle 100m steht dort ein bewaffneter Soldat. Die Straße wird jeweils immer einen halben Tag für eine Richtung gesperrt, um den Militärkolonnen freie Fahrt zu ermöglichen. Jeder sputet sich natürlich durchzukommen. Noch unterwegs zu sein, obwohl der Gegenverkehr schon wieder anrollt, wäre fatal. Nun haben wir keine Tanklaster zu überholen, sondern von den Ladeflächen der LKW vor uns ragen Geschütze und Soldaten mit Turbanen sitzen auf der Ladefläche. Gefühlte tausend Überholmanöver absolvieren wir, während wir uns die Steigung hinauf quälen. Dann haben wir es geschafft, stellen uns am Paß für's "Gipfelfoto" auf, klettern schnaufend noch ein paar Meter höher, um auch ja noch rasch einen Blick auf den K2 zu erhaschen, ....  während die Kolonnen wieder an uns vorbei rumpeln. Das "Spiel" beginnt talwärts von vorn.


Dann heißt es Abschied nehmen und Aufbrechen in Richtung Kaschmir. Wir halten in Alchi, einem kleinen Ort voller Ruhe und Abgeschiedenheit - und inmitten von Aprikosenhainen! Er bietet uns noch einmal etwas Erholung und unvergessliche Kontakte zu den Menschen dort. Die Tempelanlage von Alchi stammt wohl bereits aus dem 11. Jahrhundert und allein das gesehen zu haben, ist all die Mühen der Reise wert. Auch das Lamayuru-Kloster, das wir uns anschauen, bevor wir Kargil erreichen, hinterlässt bei uns einen bleibenden Eindruck - insbesondere auch wegen der spektakulären Lage in einer Mondlandschaft wie aus dem Bilderbuch.


Von Kargil aus starten wir dann gegen 4 Uhr in der Früh, um rechtzeitig den Checkpoint zu erreichen (gegen 9 Uhr, nach nur ca. 150 km!). Auch für den Zojia-Paß, das Tor zum Kaschmir, gilt eine Einbahnregel. Und wer nicht rechtzeitig dort ist … Wir sind es und erreichen am Ende des Tages müde und dankbar Srinagar. Wir müssen erwähnen, daß wir uns vorher sehr genau überlegt und auch in der Gruppe diskutiert haben, ob wir die Strecke überhaupt in Angriff nehmen oder nicht. Erst zwei Wochen vor unserer Abreise meldeten die Medien einen Autobombenanschlag in der Stadt. Doch Srinagar empfängt uns friedlich und wir fühlen uns gut aufgehoben. Natürlich sieht man bewaffnetes Militär verschanzt hinter Sandsäcken an fast jeder großen Kreuzung und vor bestimmten Gebäuden.  Uns behelligt jedoch niemand und wenn überhaupt geschossen wird, dann nur mit der Kamera! Am Anfang sind wir verblüfft, dann gewöhnen wir uns an unseren Exoten-Status. Hier gibt es keine Reisebusse von Studiosus & Co., wir gehören zu den wenigen Reisenden, die sich bis hierher wagen und sind somit ein überaus beliebtes Fotomotiv für die Einheimischen - insbesondere Peter, der nun wirklich jeden hier um Haupteslänge überragt.


Wir übernachten direkt auf dem Dal-See in einem Hausboot (very british, aber mit deutscher Bibliothek). Es ist unglaublich idyllisch hier. Man hört die Gebetsrufe von den umliegenden Moscheen. Wir machen Ausflüge vor Sonnenaufgang auf den Floating Market für Blumen und Gemüse, spazieren durch den Mogulgarten mit seinen zauberhaften Wasserspielen, besichtigen die bedeutendste Moschee der Stadt, die ganz aus Holz gebaut wurde und die auch Frauen betreten dürfen. Srinagar und das Kaschmir-Tal, das "Paradies auf Erden"? "Die Schweiz Asiens"? Das ist nicht weit hergeholt, man träumt noch lange von diesem zauberhaften Ort.

Dann führt uns die Reise weiter nach Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung. Man sagt uns, der Dalai Lama sei gerade  nicht im Ort, sondern in Deutschland - das ist etwas bitter für uns. Die letzte Etappe führt uns in großer Hitze zurück nach Kalka, wo wir es gerade so schaffen, den einzigen Zug nach Delhi zu erwischen, um rechtzeitig vor Ablauf unseres Visums wieder am Flughafen zu sein und nachhause zu fliegen.


Was für eine unvergessliche Zeit! Wir sind gesund zurückgekommen. Unterwegs hatte es uns sehr wohl erwischt, wir mußten aber trotz schlimmer Verdauung und hohen Fiebers auf die Maschine. Ein Mitreisender verbrachte einige Tage mit Höhenkrankheit  in Leh im Krankenhaus. Das Motorrad wurde mehr als einmal repariert: Kette gerissen, Schaden an der Radnabe, mal fehlte der erste Gang, mal musste zum Starten angeschoben werden, mal kam keine Sprit durch, Licht war Glückssache … die Mechaniker waren ganz große Meister im Improvisieren. Aber wir haben unsere Bullet wieder bis nach Kalka gebracht und ordentlich zurückgegeben. Kein Sturz, kein Zusammenstoß, wir hielten uns an die 2 eisernen Regeln: 1. immer schön links fahren und 2. heilige Kühe haben Vorfahrt. Julee Ladakh!

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